Lüften in Zeiten des Corona-Virus: Was sollte man tun, was kann unterlassen werden?

Ein Gastbeitrag der Innenraum-Experten Peter Tappler, Hans-Peter Hutter und Hanns Moshammer.

Lüftung
Alte Klimageräte und Lüftungen helfen eher nicht, gute Geräte sehr wohl. Foto: Pixabay

In geschlossenen Räumen kann die Anzahl von Krankheits-Erregern in der Raumluft steigen. Eine gute Lüftungssituation verringert die Zahl erregerhaltiger feinster Tröpfchen in der Luft und senkt damit das Ansteckungsrisiko in Räumen, in denen sich Erkrankte aufhalten.

Im „Innenraum- Newsletter“ Nr. 33 vom 25. April 2020 Seite findet sich ein Gastbeitrag zu Corona-Viren, Klimaanlagen und Lüftung. Die Innenraum-Experten Peter Tappler, Hans-Peter Hutter und Hanns Moshammer beschäftigen sich mit der Lüftungs-Frage: „Was ist (nicht) notwendig“.

Wie wirkt sich die Lüftung aus?
Die derzeitigen Maßnahmen aufgrund der COVID-19-Epidemie, die mit einem längeren Aufenthalt in Räumen verbunden sind, werfen einige innenraum-lufthygienische Fragen auf: Inwieweit wirkt sich der Betrieb Raumluft-technischer Anlagen und Lüften auf die Ausbreitung des Virus aus? ReduzierenMaßnahmen wie das Vernebeln mit Wirkstoffen oder Flächen-desinfektion im Wohn- und Bürobereich das Infektionsrisiko?

Lüftung reduziert Risiko
Das Infektionsrisiko mit Viren und Bakterien hängt deutlich mit der Lüftungssituation von Innenräumen zusammen. Ausreichende Lüftung von Innenräumen reduziert signifikant das Risiko von Infektionen. Dies ist zwar vor allem in Bereichen mit hoher Personendichte (z.B. Schul-, Unterrichtsräume, Theater) von größter Bedeutung, gilt aber auch in Wohnungen und Büros. Was bedeutet gute Lüftung von Räumen?

Alle 2-3 Stunden durchlüften
Für Wohnungen und Büros ist es aus innenraumhygienischen Gründen ratsam, die Fenster bei Daueraufenthalt etwa alle 2-3 Stunden zu öffnen und „durchzulüften“. Abhängig von der Außentemperatur sind Lüftungszeiten von wenigen Minuten bis zur Dauerlüftung in der wärmeren Jahreszeit sinnvoll. Eine Querlüftung der Räume hilft, in der kalten bzw. kühleren Jahreszeit die Lüftungszeit zu optimieren, so dass möglichst wenig Energie verloren geht. Fortschrittliche Haustechnik wie eine bedarfsgeregelte Komfortlüftungsanlage hilft, in der kalten Jahreszeit die Energie „im Haus zu behalten“. In dichter belegten Innenräumen kann eine ausreichende Lüftung in der Regel ohnehin nur durch Raumlufttechnische (RLT) Anlagen, wenn möglich mit Unter-stützung durch Fensterlüftung, erfolgen. Dies wurde im Bau- und Planungsalltag bisher sträflich vernachlässigt und nur als lästiger und scheinbar entbehrlicher Kostenfaktor begriffen, ohne die gesundheits- und auch leistungsfördernden Wirkungen zu bedenken.

Vernebeln von Wirkstoffen nicht erforderlich
Die Mensch-zu-Mensch-Übertragung über Tröpfchen stellt den wichtigsten Infektionsweg für Corona-Viren dar. Das Vernebeln von Wirkstoffen wie z.B. Wasserstoffperoxid in Innenräumen wie Büros, Wohnungen oder anderen Räumen, in denen sich infizierte Personen aufhalten oder aufgehalten haben, ist in keinem Fall erforderlich und bringt keine merkbare Verbesserung der Situation. Vom permanenten Vernebeln von Wirkstoffen in Räumen, in denen sich Menschen aufhalten, wird dringend abgeraten, da solche Produkte für die Atemwege schädlich sein können und keinen zusätzlichen Nutzen bringen.

Desinfektionsmittel nicht erforderlich
Generell ist die Anwendung von Desinfektionsmitteln weder im Verkauf, noch im Haushalt oder Büros erforderlich. Die derzeit einfachen, seit Jahrzehnten von Medizinern und Hygienefachkräften empfohlenen Hygienemaßnahmen wie Händewaschen und übliche Maßnahmen der Alltagshygiene (Reinigung der Oberflächen mit sanften Reinigungsmitteln) sind am effizientesten zur Minimierung von Risiken. Auch bei Anwesenheit von Personen im Haushalt, die positiv auf Corona getestet wurden, sind die oben abgeführten Maßnahmen sowie ggf. eine einfache Desinfektion von Oberflächen mittels geeigneter Präparate sinnvoll.

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Alte Anlagen können problematisch sein, neue, gute Lüftungsgeräte verbessern die Qualität der Luft. Foto: Pixabay.

Lüftungs- und Klimaanlagen helfen ...
Manchmal hört und liest man, dass Lüftungs- und Klimaanlagen „Dreck- und Keimschleudern“ seien. Diese Einschätzung entspricht schon seit langem nicht mehr der Realität. Nur manche alte, schlecht gewartete Klimaanlagen sind tatsächlich mit Vorsicht zu genießen. Gute Anlagen mit hochwertigen Filtern bewirken eine deutlich verbesserte Luftqualität – hier ist die Verringerung von Feinstaub und Allergenen aus dem Außenbereich und die verstärkte Abfuhr von CO2 und flüchtigen Substanzen wie Formaldehyd und Lösungsmitteln aus Innenraumquellen zu nennen.

.. auch gegen die Virenbelastung.
Nun stellt sich auch die Frage, ob das Corona-Virus über die Lüftung in großen Gebäuden etwa von einem in einen anderen Raum transportiert werden kann. Das fragen sich erfahrungsgemäß häufig Nutzer von bzw. Bewohner in ausschließlich mechanisch belüfteten Räumen. Eine Lüftungs- oder Klimaanlage wird in Hinblick auf eine Vertragung von Keimen, darunter auch Viren, als unproblematisch angesehen – eine gut gewartete Anlage stellt sogar quasi eine Gesundheitsvorsorge dar. Es ist wissenschaftlich belegt, dass ein höherer Luftwechsel generell zu einer geringeren Innenraumluftkonzentration von Krankheitserregern wie bspw. Viren führt und so ein etwaiges Infektionsrisiko bei Anwesenheit von infizierten Personen vermindert wird.

Frischluft von außen
Moderne Lüftungs- und Klimaanlagen in Gebäuden sind heute so konzipiert, dass auf Grund der definierten Luftströme eine maßgebliche Verbreitung von Viren nahezu gänzlich ausgeschlossen werden kann. Bei einer Frischluftanlage stammt die den Räumen zugeführte Luft ausschließlich aus dem Außenbereich und wird nicht mit Raumluft vermischt. Bei derartigen Anlagen sind daher keinerlei Bedenken angebracht. Schad- und Geruchsstoffe sowie Mikroorganismen können in Frischluft-Anlagen theoretisch nur im Bereich eines in manchen Fällen vorhandenen Rotations-Wärmetauschers in meist geringem Ausmaß von der Abluft in die Zuluft gelangen.

SARSCov2-Viren nicht überlebensfähig
Es konnte in Untersuchungen festgestellt werden, dass Rotationswärmeaustauscher, die ordnungsgemäß konstruiert, installiert und gewartet werden, nahezu keine Übertragung von partikelgebundenen Schadstoffen (einschließlich luftübertragener Bakterien, Viren und Pilze) aufweisen, die Übertragung ist vor allem auf gasförmige Schadstoffe, wie sie bspw. im Tabakrauch vorkommen, und Geruchsstoffe beschränkt. Es ist auch davon auszugehen, dass auf Grund der langen zurückzulegenden Strecken im Luftleitungssystem und dem vorherrschenden Milieu etwa SARS Cov2-Viren nach dem derzeitigen Stand des Wissens nicht überlebensfähig sind. Sie weisen nur eine geringe Umweltpersistenz auf und sind gegen Eintrocknung sehr empfindlich.

Umluftanlagen können problematisch sein
Virusübertragungen über die Luft sind tröpfchenbasiert, die dem Raum zugeführte Zuluft kommt niemals mit relevanten Mengen infektiöser Tröpfchen in Berührung. Eine Übertragung dieser Viren durch Lüftungssysteme wird daher generell als sehr unwahrscheinlich bezeichnet. Bedenklich können unter Umständen Umluftanlagen oder raumbezogene Klimageräte (bspw. Split-Kühlungen) sein, bei denen die Luft mit Ventilatoren in einem Gebäude bzw. innerhalb des Raumes im Kreis transportiert wird. Bei diesen Systemen ist eine Vertragung von Viren von Raum zu Raum grundsätzlich nicht auszuschließen, wenn auch eher unwahrscheinlich.

Was ist zu tun?
Mögliche Lehren für die Zukunft: Es empfiehlt sich, die seit langem bekannten einfachen hygienischen Maßnahmen ernst zu nehmen und in den Lebensalltag konsequent zu integrieren. Lüftungs-technische Maßnahmen zur Reduktion schlechter Raumluft gehen nicht nur mit einem verringerten Infektionsrisiko einher, sondern fördern geistige Leistungs-fähigkeit und Wohlbefinden. Vor allem Räume, in denen sich viele Menschen auf nahem Raum oder Risikogruppen aufhalten, sollten in Zukunft effizienter und in qualitativ hochwertiger Weise be- und entlüftet werden. Dies bedeutet im Detail, eine mechanische Lüftungsunterstützung dort, wo es erforderlich ist, einzuplanen und umzusetzen. Jeder in dieser Weise investierte Euro bringt das Vielfache an Gesundheit und Leistungs-fähigkeit für die Nutzerinnen und Nutzer – vor allem aber erhöhte Sicherheit vor einer unkontrollierten Ausbreitung von Keimen im Raum selbst!

Umluftklimaanlagen ausschalten
Umluftklimaanlagen sind nur noch selten in Verwendung, in diesen Fällen sollte der Umluftanteil aus Sicherheitsgründen möglichst reduziert oder auf Null heruntergesetzt werden. Raumbezogene Klimageräte müssen mit wirksamen speziellen Luftreinigern ausgestattet sein, die die Luft vor dem Wiedereintritt filtern. Billige transportable Geräte ohne geeignete Filter, die nur bei sehr heißen Tagen betrieben werden, sollten in öffentlichen Bereichen wie Büros bei Andauern der Pandemie nicht verwendet werden.

Keine Desinfektionsmittel in den Befeuchter!
Bei bestimmten, meist alten Befeuchtersystemen ist bauartbedingt eine geringe Zugabe von Bioziden zum Befeuchterwasser erforderlich. Von einer gesonderten Zugabe von Desinfektionsmitteln zum Befeuchterwasser oder ähnlichen „Hygienisierungsversuchen“ der Zuluft wird abgeraten. Eine Desinfektion von Klima- oder Lüftungsanlagen ist auf Grund der kurzen Lebensdauer des Virus ebenfalls nicht erforderlich, auch dann nicht, wenn sich infizierte Personen im Raum befinden oder befunden haben.

Lüftungskonzept wäre wichtig
Von der Gesetzgebung her wäre es mehr als sinnvoll, zumindest für neue Gebäude von der Bauordnung her ein nachvollziehbares Lüftungskonzept einzufordern und gesetzliche Vorgaben zu effizienter Lüftung von Räumen verstärkt in die bautechni-schen Regelungen der Länder und damit ins Bewusstsein der Planer einfließen zu lassen.

Der Text gibt die persönliche Meinung der Autoren wieder. Rückfragen und Anregungen unter +43 (0)664 3008093 oder email: p.tappler@innenraumanalytik.at

Die Autoren:
Univ. Lektor DI Peter Tappler ist allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachver-ständiger für Innenraumschadstoffen und Schimmel. Er beschäftigt sich seit etwa 30 Jahren mit Schadstoffen in Innenräumen, ist Lehrbeauftragter an der Donau-Uni Krems sowie am Campus Wien und leitet seit 1999 den Arbeitskreis Innenraumluft im Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie (BMK) – Bereich Analytik. Er ist Mitglied der Innenraumluft-Hygienekommission im deutschen Umweltbundes-amt und Präsident des Bundesverbandes für Schimmelsanierung und technische Bauteil-trocknung.

OA Assoc. Prof. Priv.-Doz. Dipl.-Ing. Dr. med. Hans-Peter Hutter ist Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie mit Schwerpunkt Umwelt- und Präventivmedizin und habilitierte 2010 im Bereich Public Health. Er ist stellvertretender Leiter der Abteilung für Umwelthygiene und Umweltmedizin, Zentrum für Public Health an der Medizinischen Universität Wien und leitet seit 2018 den Arbeitskreis Innenraumluft im BMK – Bereich Umweltmedizin.

Prof. Priv.-Doz. Dr. Hanns Michael Moshammer ist Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie mit Diplomen für Arbeits- und Umweltmedizin. Er habilitierte 2008 im Fach Umweltmedizin. Er ist Wissenschaftlicher Beamter am Institut für Umwelthygiene an der Medizinischen Universität Wien und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Weiters ist er im Vorstand der Österr. Gesellschaft für Hygiene, Mikrobiologie und Präventivmedizin (ÖGHMP) tätig.

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