Der neue Österreich-Chef des Ziegelkonzerns Wienerberger, Johann Marchner, hat in einer Studie untersucht, wie sich die Wohnziele der Österreicher*innen infolge der Coronakrise verändert haben. Wir baten ihn zum Interview.

Johann Marchner im Interview: „Corona beschleunigt die Digitalisierung, aber das war vorher auch schon ein wichtiges Thema für uns“. Foto: Herbert Starmühler

Lockdown, Masken und Kurzarbeit prägten das ganze zweite Quartal 2020. Sind nun die Leute verunsichert? Schieben sie ihre Hausbau-Pläne un auf – oder wollen sie jetzt erst recht ins Grüne? Diese Fragen sind ziemlich relevant für einen Konzern mit 500 Mitarbeitern allein in Österreich, der sich vorwiegend mit der Herstellung von Baustoffen befasst. In sieben Mauerziegelwerken und drei Dachziegelwerken an acht Standorten brennt der Traditionsbetrieb seine Produkte.

Und das sind die Ergebnisse der Studie1, (die allerdings mit der überschaubaren Samplegröße von 501 Personen Anfang Juni 2020 durchgeführt wurde):

27 % wollen nun noch lieber ein Eigenheim
Bei 27 Prozent der Befragten ist das Interesse nach einem Eigenheim durch die Corona-Krise gestiegen, bei 64 Prozent ist es gleichgeblieben. Die Zunahme basiert auf einem stärkeren Bedürfnis nach Sicherheit für die Familie (49 %) und nach einem eigenen Garten (43 %). 4 von 10 Befragten gaben zudem den Wunsch nach einem Rückzugsort und einer sicheren Wertanlage an.

Fast 50 % warten lieber ab
All diese Bedürfnisse sind für die Befragten gleichermaßen Gründe, die für eine Immobilieninvestition sprechen – trotz der aktuellen wirtschaftlichen Lage. Aufgrund der unsicheren Situation am Arbeitsmarkt in Folge der Corona-Krise würde knapp die Hälfte der Befragten von einer Investition absehen.

Raus aus der Stadt!
Die Wunsch-Location für das eigene Traumhaus befindet sich bei fast allen Befragten außerhalb der Metropolen. Mehr als die Hälfte (56 %) bevorzugen eine ländliche Gegend mit bis zu 5.000 EinwohnerInnen, 26 Prozent hingegen eine Kleinstadt (bis 20.000 EinwohnerInnen). Nur 4 Prozent sehen ihr Traumhaus in einer Großstadt.

Ich will: Terrasse und großen Garten
Eine Terrasse (48 %) und ein großer Garten (47 %) sind absolute Must-Haves der Befragten, wenn es ums eigene Traumhaus geht – ein Resultat der vergangenen Ausgangsbeschränkung.

Wir fragten den Geschäftsführer der Wienerberger Österreich GmbH, Johann Marchner, wie die Studie zu interpretieren ist:

Herr Marchner, sind Sie zufrieden mit den Ergebnissen?

Ja sehr, weil sie doch zeigen, das die Österreicherinnen und Österreicher die Sicherheit im eigenen Heim noch mehr schätzen als früher. Eine Bauweise aus oder mit Ziegeln ist besonders häufig gewünscht. Auch beim Dach greift rund ein Drittel auf den Tonziegel zurück.

Die Bauwirtschaft scheint ja besonders gut durch die Krise zu segeln?
Ja man kann sagen, dass die meisten Betriebe der Branche gut ausgelastet sind. Natürlich hat der Stillstand von einigen Wochen insgesamt eine Umsatzdelle verursacht, die man nicht mehr aufholen wird. Aber verglichen mit anderen Branchen geht es uns gut. Die ganz große Frage ist aber, wie sich das Folgegeschäft also für das Jahr 2021 entwickeln wird. Hier herrscht noch eine gewisse Unsicherheit.

Marchner Web stehend aufgehelltNach Corona der Klimawandel – da ist der Ziegel nicht so gut aufgestellt?
Es stimmt, dass wir alle uns dem Problem stellen müssen. Unsere Studie ergab auch, dass 94 Prozent der Befragten, die im nächsten Jahr einen Hausbau planen, eine optimale Wärmedämmung als wichtig erachten. 8 von 10 sehen eine nachhaltige Bauweise als essenziell. Wienerberger hat schon vor einiger Zeit beschlossen, diesem Wunsch zu entsprechen. Kürzlich haben wir den ersten zertifizierten klimaneutralen Ziegel herausgebracht.

Und wie messen Sie die Klimaneutralität des Ziegels?
Wienerberger hat begonnen, mittels eines 3-Säulen-Konzeptes die Klimaneutralität anzustreben: Erstens durch den Einsatz von High-Tech in der Produktion, zweitens durch den vollständigen Umstieg auf Erneuerbare Energien und drittens durch die Kompensation durch Klimaschutzprojekte. Das ist uns wirklich ein Anliegen, ich habe ja auch selbst Familie und Kinder und unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ja auch – es liegt also in unserem eigenen Interesse, dass wird den Umstieg schaffen.

Aber nochmals: Was ist ein klimaneutraler Ziegel?
Das Thema ist komplex, aber es gibt klare Berechnungen, um die angepeilte 2-Grad-Grenze nicht zu reißen. All die Maßnahmen zusammen ergeben für die Produktion des Wienerberger Porotherm 38 W.i EFH-Ziegel die klimaneutralität, die wir uns vom TÜV-Süd prüfen ließen. Das Zertifikat müssen wir auch regelmäßig erneuern. Überhaupt beschäftigen wir uns mit der notwenigen Ausrichtung von cradle to cradle, also von einem immer höheren Grad der Weiternutzung im Stoffkreislauf. Alles was wir tun, ist der Nachhaltigkeit verpflichtet. Es wird nicht anders gehen.

Wie sehen Sie im Konzern aktuell die Veränderungen beim Wohnen und Arbeiten?
Wir haben ja selbst bei uns einen sehr ernsthaften Notfallplan gemacht und gelebt. Tägliche Videokonferenzen gehörten dazu, erst nach und nach sind wir ins Büro zurückgekehrt (Anm.: ... in dem es nach wie vor strenge Hygieneregeln gibt, Händeschütteln ist z.B. verboten). Es ist eine neue Welt entstanden, die ich persönlich aus meiner beruflichen Situation zwar schon gekannt habe, aber es war auch für mich ein Learning. Wir haben den Betrieb immer am Laufen gehalten, die Baustellen wurden beliefert. Und das alles plötzlich von daheim aus.

Was ändert sich nun im Thema Digitalisierung?
Das ist durch Corona eigentlich nur verschärft worden. Wir geben den Kunden in Zukunft und auch jetzt schon die Informationen per Applikation mit. Wir wollen die Bestellhistorie und die Projektnummer ganz einfach zugänglich machen, mit all den genauen Bezeichnungen. Wir wollen mehr Klarheit, die Gewichte der LKW berücksichtigen, die Logistik und somit die ganze End-to-End-Kommunikation vereinfachen. Von der Beratung über die Bestellung und dem Bau wollen wir die ganze Reise vereinfacht zugänglich machen.

Wird dann die Beratung durch menschliche Mitarbeiter*innen wegfallen?
Nein, ehrlich gesagt wird es immer Beratung durch Menschen geben, auch weil es ja hier um ein emotionales Produkt geht. Und die Verunsicherung der Endkunden mit einer riesigen Zahl an Bauprodukten muss ja auch aufgelöst werden.

Stichwort Vorfertigung – wohin geht hier die Reise?
Es wird stark in diese Richtung gehen, aber es ist die technische und auch ökonomische Machbarkeit jeweils von Baustelle zu Baustelle zu beobachten, zu berücksichtigen. Es kann nicht das Ziel sein, dass die Bauarbeiter in der Zukunft weiterhin bei 30 Grad Schwerarbeit verrichten. Daher geht der Zug in Richtung Vorfertigung, bei allen Baustoffen. Wir haben ja derzeit unseren Erfolg. Der Monolithischer Mauerwerksbau ist sehr stark geworden. Ich war sehr überrascht, dass selbst gestandene Baumeister nicht an diesen Erfolg von Wienerberger geglaubt haben. Aber wir können natürlich noch weiter besser werden.

Zufrieden mit den aktuellen Sanierungs-Offensiven der Regierung?
Wir sind sehr froh über nachhaltige Sanierungs-Initiative. Da ist viel zu tun und diese Förderungen begrüßen wir natürlich. Aber es geht auch um das Dach. Wer durch die Länder fährt, sieht schon, dass die energetische Sanierung auch am Dach notwendig ist.

 

 Fußnote:

 1 Über die Studie: Die Studie im Auftrag der Wienerberger Österreich GmbH wurde vom digitalen Markt- und Forschungsinstitut Marketagent.com durchgeführt. Das Institut befragte Anfang Juni 2020 mittels Online-Interviews 501 ÖsterreicherInnen im Alter zwischen 20-75 Jahren, darunter 141 Personen, die in den nächsten 24 Monaten einen Hausbau bzw. -kauf planen und als Häuslbauer zählen. Die Ergebnisse sind repräsentativ für die österreichische Gesamtbevölkerung.

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