INTERVIEW – ÖBB-Vorstand Johann Pluy über Ausbau von Wasserkraft, Photovoltaik entlang der Gleise und auf Gebäuden der Österreichischen Bundesbahn. 

Johann Pluy
Johann Pluy, Infra-Vorstand der ÖBB forciert Erneuerbare Energien für die Bahnstrecken und Gebäude. Foto: OEBB/Sebastian Reich

Österreichs Eisenbahnstrecken stehen vor einer Herausforderung: Sie müssen ihr Angebot wegen steigender Nachfrage laufend erweitern – und gleichzeitig diesen Mehrbedarf mit nachhaltiger Energie decken. Wie soll das gehen?
Wir fragten Johann Pluy, Mitglied des Vorstands der ÖBB-Infrastruktur AG.

energie-bau.com: Wie ist der aktuelle Status? Woher kommt derzeit der Strom der ÖBB?

Johann Pluy: Wir sind in der glücklichen Lage, in Österreich auf gut ausgebaute Wasserkraftwerke zurückgreifen zu können. Zur elektrischen Versorgung von Zügen erzeugen wir Bahnstrom in acht eigenen Wasserkraftwerken. Außerdem wird auch Drehstrom für den Eigenbedarf aus Wasserkraft erzeugt. In den nächsten Jahren investieren wir in die Modernisierung dieser Kraftwerke. Seit 2018 kommt der ÖBB-Bahnstrom zu 100 % aus erneuerbaren Energiequellen.

Man kann also sagen: Wir fahren zu 100 % mit grünem Bahnstrom. Seit 2019 werden auch unsere Bahnhöfe, Büros, Werkstätten und Containerkräne mit Strom aus 100 % erneuerbarer Energie versorgt.

Gut, dann können Sie sich ja jetzt bequem zurücklehnen?

Nein, können wir nicht (schmunzelt). Als eines der größten Klimaschutzunternehmen setzen wir Meilensteine, aber es braucht mehr. Wir haben in unseren strategischen Szenarios ja einen deutlichen Zuwachs an Kapazitäten vorgesehen. Klimaschutz ist unser klarer Auftrag – unser Ziel: Wir werden noch grüner!
Damit Österreich die zugesicherten Klimaschutzziele erreichen kann, müssen bis zum Jahr 2030 alleine im Verkehrssektor weitere rund 8 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden.

Also sollen wir auf die Bahn umsteigen ...

Ja. Menschen und Güter müssen runter von der Straße und rauf auf die Schiene. Dafür braucht es eine moderne und leistungsfähige Schieneninfrastruktur. Der Schlüssel zur Dekarbonisierung des Verkehrs liegt in der Elektrifizierung und dem Ausbau der erneuerbaren Energie.

Und wie soll das nun bei den ÖBB funktionieren? Immer mehr Leute verursachen ja auch bei Ihnen immer mehr Energieaufwand. So oder so?

Die ÖBB hat 6 zentrale Hebel in ihrer Klimastrategie definiert: 1. Weitere Elektrifizierung des Streckennetzes, 2. Alternative Antriebe Schiene, 3. Alternative Antriebe Straße, 4. Erneuerbare Energien, 5. Energieeffizienz, 6. Verkehrsverlagerung.

Die ÖBB haben dabei einen ganz konkreten Plan: Wir wollen einen CO2-neutralen ÖBB- Mobilitätssektor bis 2030 erreichen. Und wir haben uns ab 2030 ein maximales Einsparungspotenzial von weiteren 2,4 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr vorgenommen. Und schließlich möchten wir die CO2-Neutralität im Konzern 2040 bis 2050 schaffen.

Wenn in Österreich die – eher unbegründete – Blackout-Angst umgeht, so brauchen wir uns um die ÖBB nicht zu sorgen? Weil die Bahn ihr eigenes Stromnetz hat?

Das stimmt jedenfalls für den Zugsverkehr. Denn die ÖBB produziert den Kraftstrom mit einer Frequenz von circa 16,7 Hertz, die übrigen Stromnetze haben das Dreifache, also 50 Hertz.

Und davon macht der elektrische Strom wie viel aus?

Für unsere Gebäude und die Schienenleistungen im ÖBB-Netz beträgt der Stromeinsatz jährlich ca. 2,1 Terrawattstunden. Davon werden rund 1,5 Terrawattstunden mit 16,7 Hertz Bahnstrom für die Transportleistungen im Schienenverkehr eingesetzt.

Warum werden nicht mehr Photovoltaik-Module von den ÖBB eingesetzt. Man könnte doch entlang der Gleise diese Anlagen bauen?

Da sind wir dran. Aber Sie müssen bedenken: Uns gehört ja nur ein relativ schmaler Sicherheitsstreifen entlang der Strecken. Unsere Pilotversuche gehen der Frage nach, wie sehr die Verschmutzung die Leistung beeinträchtigt und welche statischen Anforderungen infolge der großen Druckbelastung zu berücksichtigen sind, zumal da ja Züge mit großen Geschwindigkeiten vorbeirauschen. Aber ja, das wollen wir ausbauen, die ersten Anlagen funktionieren gut.

Um Ihre Ziele zu erreichen, müssten Sie aber auch die fossil betriebenen Dieselloks ersetzen. Wann wird das der Fall sein?

Ja, das stimmt. Vorerst wird für den Zugbetrieb auf nicht-elektrifizierten Strecken Diesel eingesetzt.

Um den Einsatz zu reduzieren, forcieren wir die Elektrifizierung des Streckennetzes und setzen dort wo eine Umstellung auf Strombetrieb wirtschaftlich nicht darstellbar ist, auf Antriebsalternativen. Pilotprojekte gibt es mit Batterien, die für die Überbrückung der stromlosen Strecken die Fahrt ermöglichen sollen.

Wie groß müssen wir uns diese „Stromlücken“ derzeit vorstellen?

Sie sind jetzt schon nicht mehr groß, meistens handelt es sich um weniger befahrene Abschnitte. Bereits jetzt werden rund 95% der Verkehrsleistung und 88% der Fahrleistung elektrisch erbracht. Als Fahrleistung – in Zug-Kilometern – bezeichnet man die zurückgelegte Distanz, die Verkehrsleistung1) entspricht der Fahrleistung multipliziert mit dem Zuggewicht. Folglich resultiert der höhere Elektro-Anteil bei der Verkehrsleistung aus dem höheren Zuggewicht der Züge mit Elektro-Traktion gegenüber jener mit Diesel-Traktion.

Vielen Dank für das Gespräch!

Key-Facts ÖBB und Energie

• Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) setzen seit rund 100 Jahren auf saubere & umweltfreundliche Energiegewinnung aus Wasserkraft.
• Damit ist sie ein Pionier in Sachen Elektromobilität.
• Ca.1/3 des Stroms wird selbst produziert.
• Eine wichtige Rolle spielen dabei die 9 eigenen Wasserkraftwerke (8 produzieren Bahnstrom, 1 Drehstrom) sowie das weltweit erste 16,7-Hz-Bahnstrom-Solarkraftwerk in Wilfleinsdorf (östliches Niederösterreich).
• 25 % bezieht man aus Partner-Wasserkraftwerken.
• Für den Rest, der aus dem öffentlichen 50-Hz-Netz bezogen wird, werden Herkunftsnachweise (österreichische erneuerbare Energie) zugekauft. 

1) Angegeben in Gesamtbruttotonnenkilometern (GBTkm)

website der ÖBB-Klimaschutzstrategie

 

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