Kommentar von Herbert Starmühler
Herausgeber energie:bau Magazin

KOMMENTAR – Österreichische Regierungsmitglieder unternahmen eine Reise nach Abu Dhabi und wollten dort schnell mal flüssiges Erdgas einkaufen. Ein bemerkenswert unsinniges Unterfangen.

Städtetrip nach Abu Dhabi: Leider war grad kein Flüssiggas zu bekommen. Foto: elliköstinger/Twitter

Österreich ist ein kleines Land, doch muss man dessen Einwohnerinnen und Einwohner nicht für dumm verkaufen. Die meisten von ihnen haben eine solide Schulbildung, ausreichend Zeit, sich eigene Gedanken zu machen und nicht wenige ergreifen hie und da diese Gelegenheit.

Immer öfter bietet allerdings die Regierung dieses Landes Anlaß zur Aufwallung der Gefühle infolge ebendieser fortgesetzten Gedankenarbeit nach Äußerungen politischen Personals. Kurz gesagt: Man könnte Schreien vor Ärger. Das wäre jedoch der falsche Weg, denn im Homeoffice-Wohnzimmer weckt man damit nur die Kinder und nervt Partner oder Partnerin, denen das Mittagsjournalkaffeehäferl aus der Hand fiele.

Viel besser: Einatmen, Oooom sagen, zurücklehnen – ertragen. Das zum Beispiel:

Frau Minister Köstinger reist nach Abu Dhabi und will dort einkaufen. Hätte sie sich dort nur einen Armreifen im Souk kaufen wollen, oder einen güldenen Ring, wir hätten uns nicht derartig fremdschämen müssen. Frau K. wollte aber etwas anderes: Sie, die Rohstoffministerin Österreichs, frug bei den Scheichs an, ob man dort vielleicht ein paar Gallonen flüssiges Gas übrig hätte. Denn man sei gerade etwas in Verlegenheit, zumal der bisherige Hoflieferant Wladimir gerade einen souveränen Staat überfallen hat und man sein Erdgas derzeit nicht benötigen möchte.

Man kann sich die Reaktion der Scheichs ungefähr vorstellen. Wer ist das? Was wollen die von uns? Meinen die das ernst. Wir haben ja gar kein Flüssiggas – unsere Anlagen sind zwar in Bau, aber vor 2024/25 sind wir nicht flüssig. Was? Ah so, ja eine „Absichtserklärung“ kann man gerne unterzeichen, das verpflichet zu nix, wie der Name ja schon sagt. Bloße Absicht. Keine Zusage.

Elisabeth Rohstoff-Köstinger hat das aber nicht ganz verstanden. Sie bezeichnete das Papierl als „Meilenstein“ für die Österreichische Energieverorgung. Angeblich steht da überhaupt nur etwas von einer möglichen Kooperation im Bereich von „grünem“ Wasserstoff drin – ein Vorhaben, das ebenfalls in den Bereich Hoffnung und Forschung abzulegen ist.

Die drei Weisen aus dem Alpenland (Nehammer, Köstinger, Gewessler) hatten hoffentlich eine gute Zeit in Arabien, dem Erdenbürger zwischen Boden- und Neusiedlersee hat es nicht geholfen. Das Flüssig-Erdgas-Business hat jahrelange Vorlaufzeiten, wie überhaupt der Einkauf günstiger Energie-Verträge.

Somit war das, was die drei da veranstaltet haben, was? Pure Propaganda? Ein Missgeschick? Bissi Pech? Wir denken uns unseren Teil und nicken unhörbar, während wir dem Radio lauschen: „Das war natürlich Schwachsinn“ urteilt jemand, der sich wohl auch oft wundern muss. Nämlich Johannes Benigni, Energieexperte bei der Wiener Beratungsfirma JBC energy. Er muss es wissen. Und er stöhnt angesichts des Regierungspersonals ob so viel Unverstand: „Es waren wirklich tolle Zeiten, als wir noch Leute in der Politik hatten, die aus der Industrie kamen“.

Nur zur Klarstellung: LNG, also verflüssigtes fossiles Erdgas, ist genauso klimaschädlich wie Putins Erdgas, dafür aber deutlich teurer, kaum zu bekommen und ohne ausreichende Infrastruktur. 

Noch eine Klarstellung für Herrn Nehammer, der sagte (oder sein Büro formulieren ließ): „Wie die Ereignisse der letzten Wochen eindringlich vor Augen führen, dürfen wir nicht weiter von nur einem Gaslieferanten abhängig sein und müssen mittel- bis langfristig auch nachhaltige Energiequellen wie grünen Wasserstoff ausbauen.“ Grüner Wasserstoff ist KEINE ENERGIEQUELLE sondern ein ENERGIETRÄGER, mit dessen Hilfe man Energie speichern und transportieren kann. Wasserstoff ist somit eine Sekundärenergie, da zur Herstellung zunächst bei allen Herstellungsarten Primärenergie aufgewendet werden muss. Wenn Nehammer eine „grüne“ Wasserstoffquelle in der Wüste gesucht hat, wäre es auch schwierig: Denn die Emirate sind für Erdöl bekannt. Damit lässt sich kein grüner Wasserstoff erzeugen – der muss aus 100 % Erneuerbarer Energie stammen.

Und @ Frau Köstinger: Schon mal was von Photovoltaik gehört? Ist blitzschnell montiert und ersetzt Erdgas von der ersten Minute an. Erkundigen Sie sich, es gibt da einige ganz tolle Firmen im Land!

Vorschlag: Sie bezahlen alle drei die Reise aus der eigenen Tasche und wir reden nicht mehr drüber.

Herbert Starmühler
energie-bau.com

 

 

 

 

 

 

Herbert Starmühler

Dr. Herbert Starmühler

Herausgeber energie:bau Magazin

ist Herausgeber dieser Publikation energie-bau.at und verschiedener Fachmagazine im Bereich Technik, Architektur und Energieeffizienz. Als seit Jahren leidenschaftlicher E-Auto-Fahrer und Bezieher eigenen Sonnenstroms ist der Journalist jederzeit für innovative Ideen zu begeistern und holt sich beim Networken gerne Inspiration für neue Projekte.

Kommentare  

#4 Wolfgang Haidin 2022-03-10 16:00
Sehr geehrter Herr Starmühler! Ich habe seit 15 Jahren 2 PV-Anlagen (Jahresstrompro duktion 21.000 kWh). Seit 22 Jahren eine 21-m² solarathermisch e Anlage für WW und Heizungsunterst ützung. Wärmepumpeheizu ng seit 2018. Seit 16 Monaten bin ich enthusiastische r E-Autofahrer (Hyundai Kona). Auf meine 120 m² große Süddachfläche scheint mehr Sonnenenergie, die ich im Jahr verbrauchen kann!Kostenlos! Ich schätze Ihr energie:bau Magazin sehr und frage mich, was wir alle, die es wissen, dafür tun könnten, dass wir schlagartig mehr Personen für Erneuerbare Energien begeistern können. Es ist unerträglich, dass wir mit unseren Öl-Gas-Käufen Putins unfassbaren Krieg finanzieren. Ihr obiger Artiken "Minister K.s Meilenstein" ist nicht nur inhaltlich großartig, sondern auch sprachlich ein Gustostückerl! Bravo! Für weiteren Austausch: haidin@gmx.at Mit sonnigen Grüßen Wolfgang Haidin, Seitenstetten
#3 Tom 2022-03-10 13:58
herrlich pointiert geschrieben und fast schon unterhaltsam, wenn es nicht eigentlich so traurig wäre …
#2 Redaktion 2022-03-09 10:16
Lieber Martin, danke für den Hinweis auf den Fehler, haben wir korrigiert.
Und zur Frage der Gasthermen: Wir brauchen zum Austausch sicherlich nicht 10 Jahre – wenn wir es nur wollen. Natürlich müssen sich die Leute in der Stadt ziemlich umgewöhnen. Und ich wette, es werden auch die Höchstgrenzen für die Lärmbelästigung durch summende Wärmepumpen am Nachbarbalkon hinaufgesetzt werden (müssen). Und das ist noch nicht alles.
Herbert Starmühler
#1 Martin 2022-03-07 18:12
Sehr geehrter Herr Dr. Starmühler,
danke für Ihren Kommentar, Herrn Benigni ist in dieser Hinsicht beizupflichten.
Es hat sich jedoch ein Fehler im Zitat eingeschlichen: „Es waren wirklich tolle Zeiten, als wir noch Leute in der Politik hatten, die aus der Politik kamen“
... aus der Industrie ... sollte es heißen. :)
Ich frage mich wie hoch die Sanierungs- bzw. Heizungstauschk apazität in Österreich ist, die 900.000 Gasthermen lassen sich nicht in einem Jahr tauschen. Aber in wie schnell könnte es, ausreichend Förderungen vorausgesetzt, gehen? Innerhalb von 10 Jahren, 15, oder geht es auch schneller? Und dann betrifft das auch wiederum nur etwa 20 Prozent des österreichische n Erdgasverbrauch s.

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