Ein Mini-Haus muss nicht immer am selben Ort stehen. Dieses hier zieht eigentlich dauernd um und wird dennoch stark frequentiert.

Kommt ein Traktor gefahren, bringt mir mein Tiny-House... Foto: Florian Radner

Was tuckert denn da den Berg herauf? Es sind meine Bücher! Jeden ersten Montag des Monats zieht ein Traktor ein kleines Holzhaus voller Bücher durch das Tal zwischen Hinterstoder, Klaus und Steyrling. Die Mobile Bibliothek – kurz MoBib – liefert Lesestoff direkt dorthin, wo sich das Leben der kleinen oberösterreichischen Dörfer abspielt. Neben der Schule, beim Gemeindeamt oder dem Dorfladen holt die MoBib Lesefreudige direkt bei ihren alltäglichen Erledigungen in den Ortszentren ab.

„Ich wollte mit dem Projekt zeigen, dass Buch und Traktor wunderbar zusammenpassen“
Florian Radner

Mobile Architektur als Begegnungsort
Initiiert und gebaut wurde die MoBib vom Architekturstudenten Florian Radner, der das Projekt im Rahmen seiner Diplomarbeit gemeinsam mit Ehrenamtlichen aus den drei Orten entwickelte. Etwa ein Jahr lang wurde in gemeinsamen Workshops an dem Projekt getüftelt. „Ich wollte mit dem Projekt zeigen, dass innovative und etwas schräge Architektur auch am Land ihren Platz hat. Und, dass Buch und Traktor wunderbar zusammenpassen“, so Radner, der sich hauptberuflich beim Architekturbüro nonconform mit der Aktivierung von Ortszentren beschäftigt.

Holzbau in Eigenregie
Im Mai 2018 gab es für die Projektidee den Nachhaltigkeitspreis des Österreichischen Umweltbundesamtes. Öffentliche Förderungen aus dem LEADER-Programm und Sponsoring lokaler Unternehmen ermöglichten die Finanzierung, sodass das Projekt schließlich umgesetzt werden konnte. Florain Radner konstruierte den Holzbau in Eigenregie am landwirtschaftlichen Betrieb seiner Eltern im oberösterreichischen Almtal. Das verwendete Holz stammt aus den Wäldern der Region.

„Das Innovative an diesem Projekt ist, dass drei Orte miteinander die fahrende Bibliothek realisiert haben. Sie kommen somit einerseits dem Kulturauftrag nach und schaffen andererseits Treffpunkte in den Ortszentren. Daran mangelt es häufig in unserer Region – oft gibt es kein Gasthaus oder Ähnliches mehr.“
Felix Fössleitner, LEADER-Manager

Ehrenamtliche Bibliothekare
Seit Juli 2019 betreiben Ehrenamtliche mit viel Engagement und Leidenschaft die MoBib. Das erste Jahr des Betriebs zeigte, wie Passanten quasi im Vorbeigehen zu Leserinnen und Lesern wurden. „Die Mobile Bücherei als literarische Nahversorgung ist gänzlich gelungen. In den ersten Monaten war ich total überrascht, wie viele Einheimische zu richtigen Leseratten wurden. Besonders das große Interesse der Kinder ist sehr erfreulich“, sagt die Bibliotheksmitarbeiterin Conny Pachleitner. Mit mehr als 150 aktiven Nutzer*innen und über 1000 ausgeliehenen Medien nach einem Jahr Betrieb, wurden die Erwartungen der Initiatoren deutlich übertroffen.

Ort der Begegnung
Die Mobile Bibliothek bietet aber mehr als nur Lesestoff, sie ist auch ein Ort der Begegnung. Im Sommer stehen die großen Flügeltüren offen und laden so Kinder vom danebenliegenden Spielplatz ein, mit einem Buch in den Liegestühlen davor zu versinken oder auf einer Picknickdecke ein ausgeborgtes Spiel zu spielen. Bibliotheksmitarbeiterin Susanne Stubenvoll erzählt, wie auch Eltern angezogen werden: „Weil die MoBib so zentral im öffentlichen Raum steht, sinkt für Eltern und Kinder die Hemmschwelle in die Bücherei zu kommen“, sagt Susanne Stubenvoll. Auch ihre Kollegin Conny Pachleitner schätzt das kommunikative Element bei der Arbeit: „Ganz nebenbei ergeben sich interessante Gespräche, literarischer Austausch und neue persönliche Kontakte.“

Unterwegs von Ort zu Ort – als Bücherei, Klassenzimmer oder Freiluftbühne
Ist die Mobile Bibliothek vor Ort, kann man Bücher und Spiele ausleihen. Die Bücherei hat je nach Standort fixe Öffnungszeiten. In der Regel ist sie zwei bis dreimal pro Woche für drei Stundengeöffnet.
Dank ihrer Mobilität kann die Bibliothek jeweils an gut besuchten Orten Halt machen. So parkt die MoBib in Hinterstoder zwischen Gemeindeamt und öffentlichem Spielplatz, in Klaus neben dem Freibad und in Steyrling neben dem Dorfladen, einem beliebten Nahversorger. Die MoBib profitiert also von der vorhandenen Frequenz öffentlicher Orte und belebt diese zusätzlich.
Da es sich bei den teilnehmenden Gemeinden um Tourismusgemeinden handelt, richtet sich das Angebot der MoBib gleichermaßen an Einheimische wie Gäste und ergänzt somit das touristische Angebot vor Ort.

Vielfältig nutzbar
Neben dem normalen Bibliotheksbetrieb ist es möglich, die MoBib auch für andere Zwecke zu nutzen. In der warmen Jahreszeit kann sie den lokalen Schulen und Kindergärten als mobiler Klassenraum für den Unterricht an unterschiedlichen Standorten dienen. So dient die Mobile Bibliothek den Kindern und Lehrer*innen als eine Art Basisstation – und der Unterricht kann für einige Tage von der Schule in den Wald verlegt werden. Die Kinder können dort forschen, spielend die Umwelt entdecken und ihrer Neugierde freien Lauf lassen – das alles mitten in der Natur.
Die MoBib bietet außerdem einen Raum und Rahmen für besondere Anlässe. Mit geöffneten Flügeltüren war sie bei der Eröffnung als Bühne für die Kinderbuchautorin Susanne Knauss im Einsatz. Zwei Wochen später las Helmut Neundlinger im Rahmen des Landinger Sommer aus seinem aktuellen Buch. Aber auch für kleinere Konzerte, Bücherflohmärkte oder Ähnliches ist sie bestens geeignet.

„Das Innovative ist, dass hier Holzbaukunst, Mobilität und Bildung vereint sind. So ein Projekt ist ideal für kleinere Gemeinden, die nicht die nötige Infrastruktur haben, um eine eigene Bücherei zu betreiben.“
Christian Dörfl, LAbg., LEADER-Obmann

Landflucht, Frauen und die MoBib
Strukturschwache Gemeinden sind besonders häufig von Abwanderung und Einsparungen im Freizeit- und Kulturangebot betroffen. Attraktive Treffpunkte werden weniger und der öffentliche Raum verliert zunehmend an Bedeutung. Vor allem für (junge) Frauen – jene Bevölkerungsgruppe, deren Abwanderung vielen strukturschwachen Gemeinden das meiset Kopfzerbrechen bereitet – gibt es kaum öffentliche Treffpunkte. Die MoBib soll als Ort der Begegnung Teilhabe und Gemeinschaft ermöglichen. Das war auch einer der Gründe, warum das Projekt durch LEADER – ein Maßnahmenprogramm zur Stärkung des ländlichen Raumes – gefördert und durch den Nachhaltigkeitspreis des Umweltbundesamtes ausgezeichnet wurde.

„Dieses Projekt ist nicht nur für unsere Gemeinde mit ihren zwei Orten (Anm.: Die Gemeinde Klaus besteht aus den Katastralgemeinden Klaus und Steyrling), sondern für die ganze Region sinnvoll. Für ein kleines Dorf alleine ist eine eigene Bibliothek fast nicht realisierbar. Die Mobile Bibliothek bringt das Lesen an belebte Punkte und damit direkt zu den Leuten. “
Rudolf Mair, Bürgermeister Klaus/Steyrling

Für kleinere Gemeinden stellt dieses Konzept also aus verschiedenen Gründen eine sinnvolle Alternative zu einer konventionellen Bücherei dar. „Das Teilen einer gemeinsamen Bücherei spart Ressourcen und fördert den Austausch unter den Gemeinden. Die Kooperationskultur in der Region wird dadurch gestärkt“, so LEADER Regionalmanager Felix Fössleithner.

Nachfrage übertrifft alle Erwartungen
Mit mehr als 1.000 Entlehnungen im ersten Jahr (Stand Ende August 2020) wurden die Erwartungen der Initiatoren übertroffen. Über 150 Nutzer*innen zählt die MoBib aktuell. Wobei diese vor allem von erwachsenen Frauen (55%) sowie von Kindern bzw. Jugendlichen (40%) genutzt wird. Kinderbücher und Belletristik (35% bzw. 37% der Entlehnungen) sind besonders beliebt, gefolgt von Sachbüchern (15%) und Spielen (13%).

„Wir haben schon seit einigen Jahren keine Bibliothek mehr. Jene, die wir früher hatten, war veraltet und niemand hat sich mehr dafür interessiert. Mit der MoBib hatten wir die Chance, für unsere Kinder, für die Einheimischen und für die Gäste ein Angebot zu schaffen, das einfach zu einem Ort dazu gehört.“
Helmut Wallner, Bürgermeister Hinterstoder

MoBib-Website

Video zur Mobilen Biliothek.

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