KRITIK - 27.09.2018
Ein Aufschrei der Elektrotechniker_innen gegen die geplanten Änderungen in der OIB Richtlinie 6: Die Formulierungen verhinderten ökologisch „sinnvolle Innovationen“.
Bundesinnungsmeister Gerald Prinz: „Wir sollten uns nicht belügen!“ Foto: Starmühler

Der Grund für eine recht geharnischte Stellungnahme ist der neue Entwurf zur OIB-Richtlinie 6. Diese Bauordnung ist Grundlage für die Erstellung des vorgeschriebenen Energieausweises und damit auch Wegweiser, wohin es mit dem zukünftigen Haus- und Wohnbau gehen soll. Derzeit ist der Entwurf im Begutachtungsstadium, im Frühjahr 2019 soll er Gesetz werden und damit die Grundlage für die Berechnung von Energieausweisen liefern.

Schlechte CO2-Bilanz
Und hier hapert es stark an Fairness, meinen zumindest die Elektrotechniker_innen – und bekommen Rückendeckung vom Fachverband der Ingenieure sowie von der gesamten WKO: Dem elektrischen Strom, hierzulande zu über 70 % aus erneuerbaren Quellen stammend, würden so viele Öko-Defizite zugeschrieben, dass er sogar eine schlechtere CO2-Bilanz als Gas aufweise.
Aktuell wird elektrischer Strom im Entwurf mit 248 g/kWh/CO2äqu belastet (Gas mit 247 g). Zum Vergleich: eControl weist Strom mit 61 g/kWh/CO2äqu aus.

Schön- und schlechtrechnen
Bei einer Pressekonferenz am Mittwoch in Wien sagte Gottfried Rotter, Geschäftsführer der e-Marke Österreich: „In diesem Entwurf sollen bewusst manche Technologien schön- und der Strom schlechtgerechnet werden. Lobbying-Einflüsse sind klar zu erkennen und müssen aufgezeigt werden. Ich glaube, dass es Zeit ist, auch einmal die Bevölkerung aufzuklären, welche negativen Auswirkungen auf unsere Zukunft und vor allem auf die Zukunft unserer Kinder im Entwurf der neuen Bauordnung versteckt sind.“ Auch von Elektrotechniker-Bundesinnungsmeister Gerald Prinz kommt Kritik: „Leistbares Wohnen wird durch die neue Bauordnung behindert. Wir haben eine Verantwortung für unsere Kinder und wollen uns nicht belügen!“

Roman Weigl Foto Starmuhler klIngenieurs-Vertreter Roman Weigl: „Die Zahlen im Entwurf sind nicht nachvollziehbar.“
Kritik an Richtlinie

Die Elektrotechniker-Innung stellte im Zuge der Pressekonferenz ihre Kernvorwürfe vor:

"Der Entwurf der neuen Bauordnung – die OIB RL6 ...
... verhindert leistbares Wohnen,
... arbeitet gegen die Mission 2030 der Regierung,
... verkennt (ignoriert?) technische Fakten,
... verhindert energieeffiziente Systeme,
... erschwert effiziente und hygienische, dezentrale Warmwasserbereitung,
... rechnet Strom als Primärenergiefaktor bewusst schlecht, und
... ignoriert die bestehenden Konversionsfaktoren von der E-Control."

Rotter und die e-Marke fordern daher eine 1:1-Anrechnung bei der Förderung, wie es bereits bei der E-Mobilität gemacht wird. Roman Weigl vom Fachverband der Ingenieure: „Wir wollen als unabhängige Ingenieure keine Präferenzen für bestimmte Technologien aussprechen. Aber es ist offensichtlich, dass hier ein Energieträger aus politischen Gründen benachteiligt werden soll.“

Forderungen auch von WKO
Der gleichen Meinung ist offenbar die gesamte Wirtschaftskammer: Die Stabsabteilung Wirtschaftspolitik der WKO fordert in ihrer Stellungnahme dazu die „Einführung einer Energieaufwandszahl für Strom aus erneuerbaren Energien. Nachdem Strom einen Primärenergieträger darstellt, wenn dieser direkt aus erneuerbaren Energiequellen gewonnen wird, wird in dieser Hinsicht die Einführung einer eigenen Energieaufwandszahl für Strom aus erneuerbaren Energien mit 1,005 gefordert.“ (hst)

Kommentare  

#8 G. Rotter 2018-09-30 18:41
Sg Herr Fechner
W.Schlader schreibt als letzten Satz: Für detaillierte Quellen dazu: DI Dr. Christian Pöhn. Darauf bezog sich meine Aussage. Wenn Sie sich auch betroffen fühlen kann ich das nur zur Kenntnis nehmen.
SG Herr Benke - Ich wollte bewusst nicht andere Energieträger oder Sekundärnutzung en schlecht machen. Wenn sie aber ein Beispiel dafür wollen gerne: Die Fernwärme wird mit einem CO2 Faktor weit unter Strom bewertet. Dazu muss man wissen, dass Fernwärme NUR 9% an MIST verbrennt (war immer das Argument Co2 dort hineinzurechnen ), 40% erneuerbare Energie (meist Holz, auch aus Rumänien und der Ukraine importiert!!) und zu fast 50% fosil befeuert wird!!! Da brauchet man kein Physikstudium um zu erkennen, dass diese Energie nur CO2 schlechter sein kann als Strom.
Aber NEIN es geht nicht um das Hervorheben von einer heizungsform. Es geht uns um die GLEICHBEHANDLUN G von Strom als Primärenergietr äger und den mündigen Konsumenten selbst entscheiden zu lassen.
#7 Alicia Berger 2018-09-30 15:49
Meine Herren. Wenn behauptet wird, die E Control als gesetzlich bestimmtes Kontrollorgan sende falsche Informationen, stellen wir fest, dass fake nesw bereits hier einklingen. Um es einmal deutlich sagen zu dürfen: auch wir hatten Jahrzehntelang Hackgut. Um aber unseren Enkerln einmal eine bessere Welt hinterlassen zu können war der Umstieg auf Strom ein Leichtes.
#6 Günther Hraby 2018-09-30 14:34
Wenn jemand Bio-Erdäpfel aus Tschechien einkauft, dann erhält er auch Bio-Erdäpfel und nicht den tschechischen Erdäpfelmix. Dieses Bild kann über alle Im- und Exporte sowie Transit von Waren nachvollzogen werden. Nur weil Strom an verschiedenen Punkten aus unterschiedlich en Erzeugungen in ein einziges Netz eingespeist wird, sollen nun alle einen Mix erhalten? Nein, weil genau dafür haben die Atome ein „Mascherl“, genannt Herkunftszertif ikate. Österreich weiß (messerscharf festgestellt von der E-Control) daher ganz genau, welcher Strom tatsächlich erzeugt, eingekauft und verbraucht wird. Anders wäre es gar nicht möglich, die gesetzlich geforderte Unabhängigkeit von Atomstrom zu erreichen. Wir erzeugen überwiegend Ökostrom, wir importieren überwiegend Ökostrom, wir verbrauchen überwiegend Ökostrom. You get what you pay for. 86% Ökostrom beim österreichische n Verbraucher. Bitte diese unbestechliche Tatsache endlich einmal akzeptieren.
#5 Johannes Fechner 2018-09-28 16:02
Sehr geehrter Herr Rotter,
ich würde eine sachliche Diskussion bevorzugen, untergriffige Aussagen wie "Teil des Systems" zu sein und "dass Sie diese Position Ihres Gurus so lange nachgebetet haben, dass sie diese schließlich selber glauben" verlangen aber eine Entgegnung. Ich bin seit 20 Jahren mit einem eigenständigen und unabhängigen Beratungsuntern ehmen für nachhaltige Entwicklung für verschiedenste Auftraggeber tätig und wir orientieren uns am aktuellen Stand der wissenschaftlic hen Erkenntnisse. Das ist mein System. Unrichtig ist, dass ich "jahrelang gegen Strom wettere". Richtig ist, dass ich im Sinne der mission 2030 für Maßnahmen eintrete, die eine tatsächliche Reduktion von klimawirksamene n Emissionen bewirken.
#4 Georg Benke 2018-09-28 14:55
Es wäre schon toll, wenn man erfährt, was sich hinter diesen ökologisch "sinnvollen" Investitionen versteckt, die angeblich durch die OIB-Richtlinie verhindert werden. Aber vermutlich geht es um die Nutzung der Strom-Direkthei zung, die halt so Marktanteile erhalten soll. Und da wirft man dann als Interessensvert reter schon gerne anderen vor, dass diese Teil des Systems (welches System) sind, die diese Prioritäten nicht teilen. In der PK wird von Lobbyisteneinfl uß bei der Gestaltung gesprochen, ohne weiters anzuführen, wer diese sind. Würde mich jetzt schon auch interessieren, weil ich davon ausgehen, dass es Experten sind, die sich für Klimaschutz einsetzen und nicht für den Verkauf von Strom-Direkthei zungen.

Und den Zusammenhang zwischen dem Betrieb fossiler Kraftwerke und dem Heizbedarf zeige ich gerne auf. Für das Heizen ist der Strommix vom Sommer nicht relevant, das sich ja leider der Strom saisonal schwer speichern lässt.
#3 G. Rotter 2018-09-27 21:45
SG Herrn Schlader und Fechner
Es ist nur verständlich dass man Ihre Position so vehement verteidigen muss, da sie ja Teil des Systems sind. JA - alle anderen Energieträger werden mit dem Konsumentenmix bewertete (Was für CO2 entsteht im Zeitpunkt des Verbrauches, aber nicht auf den Weg nach Österreich) und NUR Strom wir mit dem Erzeugermix gerechnet. Verständlich wenn man jahrelang gegen den Strom wettert. Aber deshalb nicht richtiger. Ganz Österreich rechnet mit den Werten der e-Control. Ansonsten müssten Sie sofort die ÖBB, den Verbund und viele andere wegen Betruges verklagen. Zero Emission oder 100% Wasserkraft wäre ja nach Ihrer Ansicht gar nicht möglich. Der Import von Atomstrom ist verboten. Also ist auch die APG aus Ihrer Sicht zu verklagen. Ich verstehe schon, dass Sie diese Position Ihres Gurus so lange nachgebetet haben, dass sie diese schließlich selber glauben. Dennoch ist sie falsch und belegbar. Nehmen Sie sich Zeit und lesen sie auch mal andere Sichtweisen.
#2 Johannes Fechner 2018-09-27 18:35
Es ist schon verständlich, dass die Elektro-Branche mehr Stromheizungen verkaufen möchte. Die hier angeführten Argumente sind aber nicht stichhaltig.

Der e-control Wert beruht auf Herkunftsnachwe isen, die aber mit den physikalischen Stromflüssen nicht übereinstimmen. Strom wird in der OIB Richtlinie nicht schlechtgerechn et, wir haben eben noch lange nicht genug sauberen Strom, vor allem in der Heizsaison wird kräftig importiert.

Die Ausbaunotwendig keiten für 100% Strom aus Erneuerbaren sind bekannt (z.b. PV mal 30, Wind ca. mal 5) mit derzeitigen Rahmenbedingung en aber kaum realisierbar.

Da also derzeit ein relevanter Anteil unseres Stroms real mit Kohle, Öl, Gas und auch Kernenergie produziert wird, ist dies in einer seriösen Bewertung auch entsprechend darzustellen.
#1 W. Schlader / Energieinstitut Vorar 2018-09-27 18:25
Die Herren verwechseln permanent den CO2-Wert für Strom gemäß Stromkennzeichn ung (=Herkunfts-Nac hweisen) mit dem CO2-Wert gemäß physikalischer Produktion (samt Imp./Exp.).

Gemäß e-control Stromkennzeichn ungsbericht 2017 (https://www.e-control.at/publikationen/oeko-energie-und-energie-effizienz/berichte/stromkennzeichnungsbericht) beträgt der CO2-Faktor von Strom 61 g/kWh. Mit diesem Wert gehen die Interessensverb ände auf Tour. Verständlich, aber irreführend.
Auch die e-control verweist an mehreren Stellen darauf hin, dass dies der Wert gemäß Stromkennzeichn ung ist und mit der physikalischen Produktion nichts gemein hat. Siehe Seiten 8, 9, 10 und 38.

Der CO2-Faktor gemäß (realer) physikalischer Produktion und mit Stromimport / Export in Österreich beträgt zwischen ca. 450 g/kWh und 200 g/kWh. Je nach Jahreszeit.
Im Jahresmittel gemäß OIB-RL 2015 dann 276 g/kWh. Für detaillierte Quellen dazu: DI Dr. Christian Pöhn.

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