Kommentar von Herbert Starmühler
Herausgeber energie:bau Magazin

KOMMENTAR – Szenario eines 10-jährigen Windkraft-Stopps. In dieser Zeit verzichtet ein Land wie Österreich auf den konfliktreichen Windkraftausbau und forciert anstatt dessen ein PV plus Speicher-Furioso.

Rauf mit PV auf bestehende (Industrie-)Flächen, Verzicht auf forcierten Windkraftausbau. Foto: Navarro /NÖ Herbert Starmühler

Die aktuelle Debatte um den österreichischen Strommarkt steht vor einem Paradoxon. Während gegen massiven Widerstand neue Windkraftanlagen geplant werden, müssen bestehende Anlagen aufgrund von Netzüberlastungen immer häufiger abgeregelt werden.

Ein radikaler, aber technisch plausibler Ausweg wäre ein zehnjähriges Moratorium für den Windkraftausbau (2026–2036). In dieser Zeit würden die freiwerdenden Mittel konsequent in die Speicherinfrastruktur und die Nutzung bereits versiegelter Hüllflächen investiert.

Das Effizienz-Prinzip: Lehren aus der Mobilität

Um die Notwendigkeit einer solchen Kurskorrektur zu verstehen, hilft ein Blick auf die Kostenwahrheit im Kleinen. Ein Dacia Sandero kostet in der Vollkostenrechnung (bei 15.000 km/Jahr) ca. 0,35 € pro Kilometer. Davon entfallen lediglich 0,11 € auf den Treibstoff, während der Wertverlust mit 0,13 € die größte Position einnimmt. Bei einem amtlichen Kilometergeld von 0,42 € erwirtschaftet der Fahrer eines solchen Fahrzeugs einen Überschuss von 0,07 € pro Kilometer – auf 10.000 Dienstkilometer gerechnet sind das 700 € Reingewinn.

Dieses Beispiel zeigt: Wirtschaftlichkeit entsteht dort, wo die Systemkosten niedrig bleiben und die Effizienz hoch ist. Überträgt man dies auf die Energiewende, bedeutet es, dass wir nicht nur mehr „Erzeugungs-Motoren“ (Windräder) bauen dürfen, sondern in einen größeren „Tank“ (Speicher) investieren müssen, damit die bereits produzierte Energie nicht ungenutzt verpufft.

Die Investitionsrechnung des Moratoriums

Ein modernes Windrad kostet heute inklusive Erschließung zwischen 6 und 8 Millionen Euro. Bei den aktuell geplanten Ausbauraten entspricht dies einem jährlichen Investitionsvolumen von rund 700 Millionen Euro. Würden diese Mittel vollständig in stationäre Batteriespeicher fließen, könnten jährlich etwa 2,5 Gigawattstunden (GWh) neue Speicherkapazität geschaffen werden.

Nach zehn Jahren verfügte Österreich über ein zusätzliches Backup von 25 GWh. Dies entspräche der Kapazität, um die gesamte Windstromerzeugung eines extrem stürmischen Tages vollständig zwischenzupuffern, anstatt sie abzuregeln. Derzeit werden in Spitzenzeiten bis zu 15 % des möglichen Windstroms durch das sogenannte „Curtailment“ vernichtet. Ein Speicher-Fokus würde den Nutzertrag der bestehenden 1.400 Windräder sofort erhöhen, ohne dass ein einziges neues Fundament in die Landschaft gegossen werden muss.

Hüllflächen-Offensive: Das Potenzial bereits versiegelter Flächen

Parallel dazu müsste die „Speicher-Dekade“ die Nutzung bereits verbauter Infrastruktur forcieren. Anstatt neue Freiflächen zu widmen, rücken Industriebauwerke und Verkehrsflächen in den Fokus:

Parkplatz-Überdachungen: Die Überdachung von Großparkplätzen in Österreich könnte rechnerisch ca. 2,5 Terawattstunden (TWh) pro Jahr liefern – das entspricht dem Ertrag von rund 300 Windrädern.

Vertikale PV
: PV-Module an den Wänden von Industrie-Gebäuden, Getreidesilos, Kläranlagen und Wohnhäusern nutzen den tiefen Sonnenstand im Winter besser aus als klassische Dachanlagen. Obwohl die spezifischen Kosten mit ca. 1.500 € pro kWp höher liegen als im Freiland (ca. 900 €), entfallen hier die Kosten für neue Netzanschlüsse weitgehend, da die industrielle Infrastruktur bereits vorhanden ist.

Autobahn-Schallschutz:
Allein das österreichische Autobahnnetz bietet Potenzial für mehrere hundert Megawattpeak (MWp), die direkt für die E-Mobilität an den Raststationen oder zur Netzeinspeisung genutzt werden können.

Die Speicher-Kaskade für Industrie und Private

Das Moratorium sieht vor, dass jede PV-Förderung zwingend an einen Speicheranteil gekoppelt wird. Für einen Gewerbebetrieb bedeutet das: Ein Investment von ca. 100.000 € in eine 100-kWp-Anlage müsste durch einen 100-kWh-Speicher ergänzt werden. Dies glättet die Lastkurve dort, wo der Strom verbraucht wird, und entlastet die Ortsnetze massiv.

Durch die Massenproduktion im Rahmen dieses 10-Jahres-Programms könnten die Kosten für gewerbliche Speicher von derzeit ca. 500 €/kWh auf unter 300 €/kWh sinken, was die Amortisationszeit auf unter 7 Jahre drückt.

Systemintelligenz vor schierer Masse

Ein zehnjähriges Moratorium bietet die historische Chance, das Stromnetz „nachwachsen“ zu lassen. Das Ziel der Dekade ist ein System, das nicht mehr nach maximaler Erzeugung giert, sondern nach maximaler Eigennutzung strebt. Das Risiko der „Winterlücke“ bleibt zwar bestehen, da Wind im Winter produktiver ist als Sonne, doch dieser Herausforderung muss mit dem parallelen Ausbau von Saisonspeichern (wie grünem Wasserstoff) begegnet werden.

(hst)

 

Herbert Starmühler

Dr. Herbert Starmühler

Herausgeber energie:bau Magazin

ist Herausgeber dieser Publikation energie-bau.at und verschiedener Fachmagazine im Bereich Technik, Architektur und Energieeffizienz. Als seit Jahren leidenschaftlicher E-Auto-Fahrer und Bezieher eigenen Sonnenstroms ist der Journalist jederzeit für innovative Ideen zu begeistern und holt sich beim Networken gerne Inspiration für neue Projekte.

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