Kommentar von Herbert Starmühler
Herausgeber energie:bau Magazin

KOMMENTAR – Das schwarz-weiße Binärdenken verdirbt den Diskurs – verunmöglicht ihn. Zum Schaden des Klimaschutzes.

Der Mensch macht es sich gerne bequem in seinen Anschauungen. Es wohnt sich gut in gesicherten Vorstellungen. Je einfacher umso besser, je einseitiger dadurch, umso egal. In der komplizierten Welt geht man aufrecht durchs Leben, wenn man entweder pro Israel ist oder pro Palästina ist.

Pro Windkraft oder gegen Windkraft. Dazwischen gibt es nichts.

Somit ist die Welt ganz einfach zu verstehen: Wer GEGEN die Windkraft ist, ist sicher auch FÜR Putingas.

Aber was heißt überhaupt „pro Windkraft“?

Kinder bekommen rund um Ostern gerne kleine Plastik-Windräder geschenkt. Sie laufen damit durch den Park oder den eigenen Garten, lustig drehen sich die bunten Plastikflügelchen. Pro Windkraft? 

Ein Landwirt baut sich eine Kleinwindkraftanlage neben seiner Scheune, weil hier„praktisch immer Wind weht“. Pro Windkraft? Gescheit? Oder einfältig, weil der Ertrag nachgewiesenermaßen niemals den Aufwand lohnt?

Eine Bewohnerin des Waldviertels sammelt Unterschriften gegen ein 275 Meter hohen Windrad, das im nahen Wald aufgestellt werden soll. Gegen Windkraft, pro Putin-Gas?

Die binäre Welt, die immer nur aus Nullen und Einsern besteht, ist so wunder-wunderschön. Ich bin immer der Einser, du bist die Null. Ok?

Differenzieren ist nicht die Stärke einer Zeit, in der TikTok, Instagramm und Facebook das Gespräch ersetzen. Social Media, welch irreführender Name, funktioniert mit schwarz-weißen Ansichten am besten. Je einseitiger, klarer, verurteilender, umso mehr Klicks, Follower, Herzchen und Däumchen. Eine zur Verniedlichung neigende brutale Ausgrenzungs-Maschinerie.

Dabei wäre die Nuancierung so wichtig, die Zwischentöne so hilfreich.

Der israelische Autor Etgar Keret hat in der Süddeutschen Zeitung kürzlich geantwortet: „Wenn jemand zu mir sagt, er sei pro Israel oder pro Palästina, bin ich direkt deprimiert. Denn damit gibt diese Person ehrlich zu, dass nichts, was ich sagen könnte, diese Meinung ändern wird.“

Klimadiskussionen sind ähnlich deprimierend. Fanatisch, religiös, einseitig und ausgrenzend.

Schade. Denn damit werden zum Beispiel jene nicht zur Kenntnis genommen, die glühende Verehrer der Windkraft sind, aber die Tiroler Berge für nicht geeignet erachten. Oder die sagen: Bevor nicht wenigstens die Hälfte der Parkplätze, der Lärmschutzwände, der Scheunendächer und der Industriehallen mit Photovoltaikmodulen belegt sind, lasst uns noch warten mit der Verspargelung des Waldviertels.

 

Herbert Starmühler

Dr. Herbert Starmühler

Herausgeber energie:bau Magazin

ist Herausgeber dieser Publikation energie-bau.at und verschiedener Fachmagazine im Bereich Technik, Architektur und Energieeffizienz. Als seit Jahren leidenschaftlicher E-Auto-Fahrer und Bezieher eigenen Sonnenstroms ist der Journalist jederzeit für innovative Ideen zu begeistern und holt sich beim Networken gerne Inspiration für neue Projekte.