Der öster­reichische Strommarkt ist im Wandel. Die Veränderungen und Herausforderungen nicht nur durch erneuerbare Energien sind vielfältig.Virtuelle Kraftwerke bieten umfassende – und erlaubte – Möglichkeiten. Von Wolfgang Sedlak
„Energiewirtschaftlich wäre es sinnvoll, dass man Energie aus der Nähe bezieht.“ Bernd Vogl, MA 20 (Bild: Shutterstock)
Warum nicht große Dachflächen für die Erzeugung von PV-Strom nutzen – und gleichzeitig alle im Gebäude befindlichen Wohnparteien vorrangig damit beliefern? Ein Thema, das in der letzten Zeit immer mehr an Bedeutung gewinnt. So exis­tieren in Wien bereits über 1.100 PV-Anlagen, darunter auch zahlreiche Vorzeigeprojekte auf Dächern öffentlicher Gebäude. Mit diesen Anlagen werden jährlich etwa 23.000 MWh Solarstrom produziert. Damit können über 8.400 Haushalte mit Strom versorgt werden – allerdings nicht auf direktem Weg.

ElWOG verbietet Privaten, selbst erzeugten Strom an andere zu liefern.
„Energiewirtschaftlich wäre es sinnvoll, den Strom aus der Nähe zu beziehen – also auch von einem Solarkraftwerk auf dem eigenen Dach“, betont auch Bernd Vogl, Abteilungsleiter der MA 20 – Energieplanung, Erneuerbare Energie & Förderungen. Leider macht aber das derzeitige Elektrizitätswirtschafts- und -organisationsgesetz (ElWOG) da einen Strich durch die Rechnung und erlaubt das nur bei Einfamilienhäusern, wo der Besitzer gleichzeitig der Abnehmer ist.

Bernd Vogl: „In einem Mehrparteienhaus darf die Solaranlage Gemeinschaftsanlagen wie den Lift, das Ganglicht oder auch die zentrale Wärmepumpe für das Haus betreiben. Aber nicht etwa den Fernseher, die Waschmaschine in einer Wohnung. Dabei wäre es doch ideal, die freien Flächen am Gebäude, egal, ob Fassade oder Dach, zu nutzen und so viel wie möglich an nahe liegende Stromverbraucher zu liefern.“ Jetzt muss dieser billige Strom ins Netz eingespeist werden und der teure Netzstrom für die Wohnungen bezogen werden.

EIWOG ändern – aber wie?
Es gibt allerdings immer mehr für die Energie zuständige Politiker in allen Bundesländern, die eine Änderung des ElWOG befürworten. Diese Restriktion sollten nicht mehr enthalten und die Stromlieferungen auch in einem privaten Netz erlaubt sein. „Das ist derzeit noch nicht möglich“, betont auch PVAustria-Vorstand Hans Kronberger: „Wir sind aber gemeinsam mit verschiedenen Interessensgruppen und dem BMVIT sowie dem Wirtschaftsministerium daran, hier hoffentlich noch heuer eine Änderung zu schaffen.“ Eine grenzwertige Lösung könnte sein, einen gewissen Stromanteil für große Verbraucher in die Miete einzurechnen, wie es etwa in einem gro­ßen Plus-Energie-Mehrparteienhaus in Frankfurt praktiziert wird. „Dieser PV-Strom ist nur halb so teuer als wie jener, der aus dem Netz kommt“, zeigt Bernd Vogl die Vorteile der Direktabnahme auf.

Virtuelle Kraftwerke als umfassende Lösung für Grund- und Spitzenlast
Nachdem erneuerbare Energien wie Photovoltaik und Windkraft nur abhängig von den äußeren Umständen Strom liefern können, braucht es umfassendere Lösungen, um die gesetzlich vorgeschriebene Stromversorgung zu gewährleisten. In einem virtuellen Kraftwerk werden die unterschiedlichsten – dezentralen – Kraftwerke wie PV, Wind, Biomasse oder auch Wasserkraft zusammengefasst, um gemeinsam den Strom zu vermarkten und die Netzverantwortung zu übernehmen, z.B. zur Bereitstellung von Regelenergie. Über eine Leitwarte werden alle im virtuellen Kraftwerk vernetzten und regelbaren Anlagen angesprochen und die schwankende Einspeisung ausgeglichen. Die Erfahrungen in Deutschland, wo solche Verbünde von Wind, PV und Biogas bereits länger existieren, zeigen, dass man damit die Nachfrage durchgehend abdecken kann. „Energiewirtschaftlich wäre es sinnvoll, dass man die Energie aus der Nähe bezieht. Denn je weiter sie herkommt, desto weniger ökologisch ist das – ein einfaches Naturgesetz“, gibt der MA 20-Chef zu bedenken und wünscht sich eine Fülle an erneuerbaren Energieformen, die dezentral erzeugt werden. Bernd Vogl: „Habe ich ein Gebäude mit nutzbaren Flächen für erneuerbare Energien, wäre es ideal, wenn von der dort erzeugten Energie so viel wie möglich im gleichen Haus verbraucht wird. Was ich nicht vor Ort produzieren kann, kommt vielleicht vom Nachbarn oder von den am nächsten platzierten Windrädern bzw. Wasserkraft usw.“ Sein Bild für die Zukunft: „Richtige Cluster, die möglichst viel selber produzieren, aber auch mit anderen vernetzt sind und so die unterschiedliche Energieerzeugung ausgleichen.“ Ein wichtiges Thema dabei bleibt jedoch: Wie ist das Netz reguliert, wovon kann dann der Netzbetreiber leben?  Der ist ja immer gefragt, wenn die PV-Anlage keinen Strom liefert. Bernd Vogl: „Die Frage nach einem Regulativ, damit auch in solchen Fällen die Netzstruktur funktioniert, muss natürlich geklärt sein.“    

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