Teppiche aus Fischernetzen, Holz aus der Umgebung und ökologische Materialen brachten dem Powerhouse in Norwegens Telemark eine houe BREEAM-Punktezahl ein.

Das energieoptimierte Monument ist von weitem sichtbar. Foto: Snohetta/Ivar Kvaal

Das Architekturbüro Snøhetta (Oslo u.a.) vollendet sein 4. „Plusenergie-Kraftwerk“ in Telemark, Norwegen und glaubt, damit „ein nachhaltiges Modell für die Zukunft der Arbeitsplätze“ gefunden zu haben. Partner von Snøhetta waren dabei R8 Property, Skanska und Asplan Viak. Als Teil der Powerhouse-Serie setzt Powerhouse Telemark einen neuen Standard für den Bau umweltverträglicher Gebäude, indem es den jährlichen Nettoenergieverbrauch im Vergleich zu ähnlichen Neubaubüros um 70% senkt und – nach Life-Cycle-Rechnung – mehr Energie produziert, als es insgesamt verbrauchen wird.

Genau wie seine ehrgeizigen Schwesterprojekte Powerhouse Kjørbo, Powerhouse Montessori und Powerhouse Brattørkaia möchte Powerhouse Telemark ein Vorbild für ökologisch, sozial und wirtschaftlich nachhaltige Architektur sein und gleichzeitig unsere Vorstellung davon in Frage stellen, wie unsere Büros in der Zeit nach COVID-19 aussehen könnten.

 

Energiewürfel mit PV, Erdsonde und Öko-Materialien.

Das Powerhouse ist eine Landmark von Telemark.

Interessante neue Silhouette in Norwegens Kleinstadt.

Viele Schrägen und Stiegen verbinden und kennzeichnen die Räume.

Die Photovoltaik auf dem geneigten Dach.

COVID-19 und andere Katastrophen
Der Hindergrund: Der Energiesektor und die Bauindustrie machen zusammen über 40% der weltweiten Treibhausgas-Emissionen aus. Während die Weltbevölkerung und die Schwere der Klimakrise weiter zunehmen und globale Störungen wie die COVID-19-Pandemie auslösen, stehen laut Snøhetta die Architekt*innen vor der Herausforderung, branchenübergreifend zu arbeiten, um verantwortungsbewusster zu bauen.

Branchenweite Allianzen gesucht
„Um unseren Planeten so gesund wie möglich zu halten, müssen wir diesen Moment nutzen, um nachhaltige Designpraktiken zu priorisieren und insbesondere zu berücksichtigen, wie sich unsere Arbeit auf menschliche und nicht menschliche Bewohner gleichermaßen auswirkt. Obwohl die allmähliche Gewalt der Klimakrise im Vergleich zu den raschen Auswirkungen von Viren wie COVID-19, insbesondere für diejenigen, die im globalen Norden leben, weniger akut zu sein scheint, sind wir als Architekten am Schutz unserer gebauten und nicht gebauten Umgebungen beteiligt. Wir brauchen mehr branchenweite Allianzen wie Powerhouse, um die Industriestandards für den Bau nachhaltiger Gebäude und Städte auf wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Ebene voranzutreiben “, sagt Kjetil Trædal Thorsen, Gründungspartner von Snøhetta.

Wachsende Investitionen in „grüne Wirtschaft“
Das neue 11-stöckige Gebäude befindet sich in der historischen Industriestadt Porsgrunn in der Grafschaft Vestfold und Telemark und ist eine symbolische Fortsetzung der stolzen Geschichte des Bezirks, da in Telemark eines der größten Wasserkraftwerke des frühen 19. Jahrhunderts beheimatet ist. Powerhouse Telemark weist auf die wachsenden Investitionen des Gebiets in die grüne Wirtschaft hin und positioniert den Landkreis als führend bei der Dekarbonisierung von Neubauten.

Jährlich 256.000 kWh
Die nach Südosten ausgerichtete Fassade und das Dach von Powerhouse Telemark werden jährlich 256.000 kWh erzeugen, was ungefähr dem Zwanzigfachen des jährlichen Energieverbrauchs eines durchschnittlichen norwegischen Haushalts entspricht, die überschüssige Energie wird an das Energienetz zurückgespeist.

Maximale Sonnen-Nutzung
Das schräge und leicht konische Gebäude verfügt über eine klar definierte 45 °-Kante an der Ostfassade, wodurch es einen klar erkennbaren Ausdruck erhält, der sich vom industriellen Kontext des umliegenden Industrieparks Herøya abhebt. Im Inneren des Gebäudes befinden sich eine Barception, Büroräume, darunter zwei Stockwerke mit Gemeinschaftsräumen, ein gemeinsames Personalrestaurant, Penthouse-Tagungsräume und eine Dachterrasse mit Blick auf den Fjord.

Schrägen und Stiegen
Zwei große Treppen verbinden das Erdgeschoss und die obersten Stockwerke des Gebäudes vom Empfangsbereich bis zum Personalrestaurant und den Penthouse-Tagungsräumen. Im neunten Stock zeigt sich eine markante gerade Holztreppe, die die Kantine des Personals und den Besprechungsraum des Penthouse optisch miteinander verbindet und die Besucher auf die Dachterrasse des Gebäudes führt.

Mit der BREEAM Excellent ** -Zertifizierung als Beweis für ihre mutigen Nachhaltigkeitsambitionen stehen Powerhouses nicht nur in ihren lokalen Gemeinden als Leuchtturm für nachhaltiges Design, sondern fungieren auch als Vorbilder dafür, wie die Welt in Zukunft nachhaltige Architektur und Design insgesamt annehmen kann – so die Architekten.

Eine Energie erzeugende Fassade und ein Dach
Das markante, um 24 ° geneigte Dach des Gebäudes neigt sich sanft, erweitert die Dachoberfläche und stellt sicher, dass sowohl vom Photovoltaik-Baldachin als auch von der mit PV-Zellen verkleideten Südfassade des Gebäudes ein Höchstmaß an Sonnenenergie gewonnen werden kann.

Im Westen, Nordwesten und Nordosten ist das Gebäude mit Holzbalken verkleidet, die einen natürlichen Schatten auf der sonnenexponiertesten Fassade bieten. Hinter den hölzernen Staffeln ist das Gebäude mit Steni-Fassadenplatten verkleidet, die dem Gebäude einen einheitlichen Ausdruck verleihen. Das Gebäude funktioniert wie ein Passivhaus und ist hochwertig gedämmt mit Fenstern in Passivhausqualität.

Die Betonplatten verleihen dem Gebäude eine Dichte, „die der einer Steinstruktur ähnelt, die tagsüber thermische Wärme speichert und abends langsam Wärme abgibt“, wie es die Architekten formulieren.

Tiefensonden und Lowtech
Ein Tiefensondensystem eines Geothermie-Brunnens sorgt für effiziente Kühlung und Heizung: Es reicht 350 Meter unter die Erdoberfläche.
Powerhouse Telemark nutzt außerdem eine Reihe von Low-Tech-Lösungen, um sicherzustellen, dass der Mieterkomfort Vorrang hat: Die sanft nach Westen und Südosten ausgerichteten Fassaden des Gebäudes ermöglichen ein Maximum an Tageslicht und Schatten. Im Nordosten ist das Gebäude ebenerdig, um traditionellere Arbeitsbereiche mit geschlossenen Büros unterzubringen.

Im gesamten Gebäude wurden kleine, abgeschiedene Räume strategisch von sonnenexponierten Fassaden entfernt geplant und errichtet, um den Kühlbedarf zu verringern und gleichzeitig eine angenehme Temperatur dieser Räume zu gewährleisten.

Flexible Innenraumlösung
Die Innenausstattung ist durchgeängig standardisiert, um unnötigen Abfall zu reduzieren, wenn neue Mieter in das Gebäude einziehen. Die Fußböden, Glaswände, Büroteiler, Küchenzeilen, Beleuchtung und Badezimmer wurden auf allen Etagen mit dem gleichen Design, der gleichen Farbe und der gleichen Materialität versehen. Wer später mal hier neu einzieht braucht nur das Gebäude neu zu programmieren und ihre Geschäfte zu erweitern oder zu verkleinern, ohne umziehen zu müssen. Dies bedeutet, dass der Büroraum eine maximale Nutzung des Raums ermöglicht, unabhängig welche Arbeiten hier vonstatten gehen sollen, selbst wenn Remote-Arbeitsszenarien die traditionellen Anforderungen an das Bürolayout ändern.

Lokales Holz, Gips, Leichtbeton
Die Materialpalette von Powerhouse Telemark wurde vorwiegend nach umweltverträglichen Eigenschaften zusammengestellt. Das gesamte Gebäude verfügt über Materialien, die für ihre Widerstandsfähigkeit und ihre geringe Energieversorgung bekannt sind. Dies bedeutet, dass Materialien wie lokales Holz, Gips und „Umweltbeton“ verwendet werden, die freigelegt und unbehandelt bleiben. Von der Küche über die Teppichfliesen bis hin zu losen Möbeln wird alles aus strapazierfähigen und hochwertigen Materialien hergestellt.

Teppich aus Fischernetzen
Die Teppichfliesen bestehen zu 70% aus recycelten Fischernetzen und der Holzboden besteht aus Industrieparkett aus Asche aus Holzabfällen. Darüber hinaus ermöglicht ein speziell entwickeltes Foliierungsbeschilderungssystem ein gewisses Maß an Flexibilität bei der Anpassung des visuellen Ausdrucks der verschiedenen Büroräume, ohne unnötigen Abfall zu verursachen, der beim Entfernen oder Produzieren markenspezifischer Beschilderungen entstehen kann.

Um den Bedarf an künstlicher Beleuchtung auf ein absolutes Minimum zu reduzieren, verfügt das Gebäude über ein einfaches, aber effizientes Beleuchtungssystem. Das Dach des Gebäudes verfügt außerdem über vertikale Glasschlitze, die das Eindringen von Tageslicht in die drei obersten Stockwerke ermöglichen. Darüber hinaus ermöglicht die Wahl von losen Möbeln mit hellen Oberflächen eine subtile Ergänzung der Innenbeleuchtung.

Genau wie seine ehrgeizigen Schwesterprojekte Powerhouse Kjørbo, Powerhouse Montessori und Powerhouse Brattørkaia möchte Powerhouse Telemark ein Vorbild für ökologisch, sozial und wirtschaftlich nachhaltige Architektur sein und gleichzeitig unsere Vorstellung davon in Frage stellen, wie unsere Büros in der Zeit nach COVID-19 aussehen könnten.

 

Zur Erklärung

* Ein Gebäude als „Kraftwerk“ produziert mehr Energie als es über seine Lebensdauer verbraucht (eine konservative Schätzung von mindestens 60 Jahren), einschließlich Bau, Abriss und der Energie, die in den für den Bau des Gebäudes verwendeten Materialien enthalten ist.

** BREEAM ist die weltweit führende Methode zur Nachhaltigkeitsbewertung für die Masterplanung von Projekten, Infrastrukturen und Gebäuden. Es erkennt und spiegelt den Wert leistungsfähigerer Assets über den gesamten Lebenszyklus der gebauten Umgebung hinweg wider, vom Neubau bis zur Inbetriebnahme und Sanierung.

BREEAM tut dies durch die Zertifizierung der Bewertung der ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Nachhaltigkeitsleistung eines Vermögenswerts durch Dritte anhand von von BRE entwickelten Standards. Dies bedeutet, dass von BREEAM bewertete Entwicklungen nachhaltigere Umgebungen sind, die das Wohlbefinden der Menschen, die in ihnen leben und arbeiten, verbessern, zum Schutz der natürlichen Ressourcen beitragen und attraktivere Immobilieninvestitionen ermöglichen.

Über Powerhouse
Powerhouse repräsentiert eine Forschungs-, Design- und Engineering-Zusammenarbeit von Industriepartnern bei der Entwicklung energiepositiver Gebäude und besteht aus dem Immobilienunternehmen Entra, dem Unternehmer Skanska, der Umweltorganisation ZERO, dem Design- und Architekturbüro Snøhetta und dem Beratungsunternehmen Asplan Viak.

Die Powerhouse-Zusammenarbeit definiert ein energiepositives Gebäude als ein Gebäude, das während seiner gesamten Lebensdauer mehr saubere und erneuerbare Energie erzeugt als bei der Herstellung von Baumaterialien, beim Bau, beim Betrieb und beim Abbruch.

Das erste von den Kooperationspartnern realisierte Projekt war Powerhouse Kjørbo in Sandvika außerhalb von Oslo, Norwegen. Dies war das erste energiepositive Gebäude in Norwegen und unseres Wissens das erste renovierte energiepositive Gebäude der Welt. Weitere Netto-Null- und Energie-positive Gebäude von Snøhetta sind das Powerhouse Brattørkaia, das Harvard HouseZero, das ZEB Pilot House und die Powerhouse Drøbak Montessori Secondary School.

(hst)

 

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