Bauernschlau - 30.08.18
Der Vetterhof in Vorarlberg ist auf viele Arten anders als ein gewöhnlicher Bauernhof. Seit den 90er Jahren wird hier Nachhaltigkeit gelebt. Eine neu erbaute Halle komplettiert den innovativen Hof.
Der smarte Vetterhof. Foto: Victor Cossard

Der Vetterhof ist ein biologischer Bauernhof zwischen Lustenau und Dornbirn, Vorarlberg. Zunächst war der Hof noch in Lustenau gelegen, Mitte der Neunzigerjahre entschlossen sich Hubert und Annemarie Vetter aber, aus dem immer enger werdenden Ort auszubrechen und einen Aussiedlerhof zu gründen.

Platz ist in Vorarlberg ein zentrales Thema für die Landwirte. Nicht zuletzt deswegen nutzt ihr Sohn Simon Vetter auch heute den Grund effizient. Mit dem Fokus auf Gemüseanbau und speziellen Methoden wie dem Setzen der Pflanzen auf Erddämmen passt der Landwirt den Betrieb an die regionale Umwelt an. Und hat damit Erfolg.

Klimapreis für den Vetterhof
Als er seinen Aussiedlerhof neu errichtete, baute Hubert Vetter einen Seminarraum in das Gebäude. Damals verstand das niemand, auch die Landwirtschafskammer beäugte seine Ideen skeptisch. Heute ist er ein Vorzeigemodell für innovative Landwirtschaft und findet ausgeklügelte Antworten auf den Standort. Und dabei sind die Vetters weit entfernt davon, abgehoben zu wirken.

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Simon Vetter in seinem Hof. Foto: Manuel Zauner

Der zentrale Verkaufsweg der Vetters ist – neben dem wöchentlichen Bauernmarkt, einem Hofladen und Gastro-Zulieferung – die sogenannte Gemüsekiste: Jede Woche gibt es eine Kiste mit den saisonalen Gemüsesorten und dazugehörigen Rezeptideen. Ausgeliefert wird für kurze Strecken mit dem Lastenfahrrad, für längere mit dem Elektroauto und für noch weitere mit einem herkömmlichen Auto.

600 Haushalte beliefert der Vetterhof pro Woche so mit Gemüsekisten – und das zu 80 % CO2-neutral. Dafür wurde Simon Vetter zusammen mit Ralph Hollenstein, Gründer der „Pedal Piraten“, die die Auslieferung übernehmen, sogar mit dem Österreichischen Klimaschutzpreis ausgezeichnet.

Der Architekt als Konstante
Im vergangenen Sommer konnten die Vetters ihre neue Lagerhalle einweihen. Finanziert wurde sie – wie schon ein Elektroauto zuvor – über Crowdfunding. Das Kernstück des Gehöfts ist das Hauptgebäude, das 1996 von Simons Eltern erbaut wurde. Architekt war damals Roland Gnaiger, der nun – zwanzig Jahre später – auch die neue Lagerhalle entwarf.

Simon Vetter erzählt heute noch stolz von dem von seinen Eltern erbauten Hof. Der Wohnraum ist gemauert, innen mit Lehm verputzt, alle Möbel sind aus Vollholz. „Der Lehm hat einen wesentlichen Beitrag zum Raumklima. Lehm hat die Eigenschaft, bei zu hoher Luftfeuchtigkeit diese aufzunehmen und sie bei Trockenheit wieder abzugeben. Außerdem ist er megapflegeleicht!“, sagt Vetter.

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Der Vetterhof im Abendlicht. Foto: Simon Vetter.

Die Außenfassade besteht aus Holz, dessen Kasein-Anstrich erst vergangenes Jahr zum ersten Mal erneuert werden musste. Isoliert ist das Gebäude mit Ziegeln und eingeblasener Zellulose, ein Lerchenschirm hilft, das Ganze zu hinterlüften.

Auch in den vier Wohneinheiten war man schon vor 20 Jahren innovativ: Eine Pflanzenkläranlage klärt dort das Grauwasser der Wohneinheiten, Dusche, Bad und Küche. Durch verschiedene Kiesschichten und den Biofilm zwischen den jeweiligen Schichten wird das Wasser gereinigt.

Eine Regenwasserzisterne mit zirka 100 m3 Volumen dient als Quelle für Bewässerung und Brauchwasser am Hof, beispielsweise, um die Maschinen zu waschen. Das Warmwasser wird mit einer thermischen Solaranlage erhitzt. Die 30 m2 Sonnenkollektoren finden sich am Vetterhof, die Heizung läuft mittels einer 50-kW-Hackschnitzelheizung. Das Holz dazu stammt von einem Bauern aus der Nachbarschaft.

Kein traditioneller Bauernhof
Der Architekt Roland Gnaiger erinnert sich an den Bau des Hofes vor mittlerweile 45 Jahren noch gut. Annemarie und Hubert Vetter hätten damals schon biologisch gewirtschaftet und kamen mit einigen Ideen zu ihm. „Das Ehepaar Vetter hatte die Idee und die Vorstellung, dass ein Hof in Zukunft etwas anderes ist, als was er bisher war“, sagt Gnaiger heute. „So haben wir zusammen ein Programm entwickelt, das sich gänzlich von dem unterschied, wie man traditionelle Bauernhöfe verstand.“

Es war ein radikales Projekt: Die Wertschöpfungskette sollte verkürzt werden, Produkte am Hof veredelt und selbst vermarktet werden. Das war die erste wichtige Erkenntnis, wie Gnaiger erzählt. Räume, um Tee und Kräuter zu trocknen, Geräte, um Milch zu Joghurt und Topfen zu veredeln, sowie Kühlräume für das Gemüse. Außerdem sollten nicht nur Produkte verkauft, sondern auch Wissen vermittelt werden. Eine große Lehrküche und ein geräumiger Essbereich sollten die Lösung sein. Und auch die Wohneinheiten wurden smart geplant:

Statt einer großen Wohnung für die damals achtköpfige Familie sollte es verschiedene Wohneinheiten geben, wenn die ersten Kinder ausziehen oder auch wenn PraktikantInnen und MitarbeiterInnen auf den Hof ziehen. Denn der starke Fokus auf Eigenvermarktung und Gemüseanbau benötigte auch mehr Personal.

Die Zukunft ist elektronisch
Simon Vetter ist froh, dass das Haus trotz des modernen Anspruches noch relativ „rough“ ist, wie er sagt. „Wir sind ganz froh, dass wir unser Haus gebaut haben, bevor diese ganze Gebäudetechnik-Welle gekommen ist. Die Gebäude sind in den letzten Jahren so hochtechnisiert“, erklärt er – was nicht nur Vorteile mit sich bringe. „Man macht die Systeme viel komplexer und damit auch oft fehleranfälliger. Die Frage ist, ob man das will“, so Vetter.

Der Vetterhof bezieht Ökostrom, dieses Jahr wollen sie eine 50-kW-Peak-Photovoltaikanlage errichten. Das Geld soll – wie könnte es anders sein – wieder über Crowdfunding generiert werden. Vetter sieht darin viel Potenzial: „Generell kann man sagen: Alle Geschichten, die rund um den Hof stattfinden – der Elektrostapler und vielleicht auch der Hoftruck, den wir möglicherweise bald ersetzen – geht in Richtung Elektro. Und das ist bei uns besonders interessant, weil wir den selber produzieren könnten.“

Absaugung statt Heizöl
Darüber hinaus wird aber auch der anstehende Energiebedarf, wo es geht, reduziert. Das Heu werde in konventionellen Betrieben meist mit sehr viel fossiler Energie getrocknet. Durch eine Dachabsaugung spart Simon Vetter diese Energie komplett ein. „Es gibt Betriebe, die brauchen pro Saison 5.000 bis 10.000 l Heizöl. Wir brauchen null.“

Und die Folientunnel, in denen das ganze Jahr über saisonale Gemüsesorten gedeihen, werden erst gar nicht beheizt. „Wir passen eher die Pflanzen dem Klima an und nicht das Klima den Pflanzen“, so Vetter.

Die jüngst eingeweihte neue Lagerhalle läuft ebenfalls energieeffizient. Das Gebäude wird ausschließlich mit der Abwärme der Kühlräume geheizt und das Gebäude selbst ist isoliert, so wird die Wärme im Gebäude gehalten. Durch die Isolierung ist es im Sommer angenehm kühl und im Winter eher warm als kalt. Architekt Gnaiger erklärt den Bau der Halle mit den hohen Anforderungen an die Gemüselagerung:

Statt bisher einiger kleiner Kühlboxen gibt es in der Halle jetzt eine 20 m lange Batterie, die verschiedene Boxen mit unterschiedlichen Temperaturen für die jeweiligen Gemüsesorten versorgt. Diese werden dann via Fahrrad, Elektroauto oder Transporter an die KundInnen gebracht werden. „Das lässt sich mit keinem traditionellen Betrieb mehr vergleichen“, resümiert Gnaiger.

Fazit des energie:bau-Fachbeirats
Johannes Kislinger von AH3-Architekten: „Der Bauernhof ist keine Alltagsaufgabe. Umso mehr erstaunt es, was sich hier alles höchst untheatralisch umsetzen ließ!“

Kommentare  

#1 Jens 2018-09-24 12:11
Smart Home wird sich denke ich über kurz oder lang überall in Deutschland durchsetzen. Sei es bei Unternehmen, im privaten Haushalt oder eben auch auf Bauernhöfen.

Ich selbst habe eben auch schon ein Smart System in den eigenen vier Wänden und bin super zufrieden damit.

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