Projekt - 22.08.18
Mit maximal 700 € Energiekosten pro Jahr komfortabel wohnen und dabei auch noch einen Pool mitheizen: Anna und Alfred Vorderegger zeigen in ihrem smarten Sonnen-Passivhaus in Flachau, Salzburg, wie das geht.
In Flachau steht ein Passivhaus. Foto: Fernanda Nigro

Ein „Eizerl“ habe gefehlt, sagt Alfred Vorderegger. Konkret: 2,4 kWh Photovoltaik-Speicher. Im April erweiterte Alfred Vorderegger das Batterie-System seines Hauses darum um dieses „Eizerl“ – von 7,2 kWh auf 9,6 kWh. „Damit sind wir in den Sommermonaten vollkommen energie-autark, wenn es nicht extrem bewölkt ist.“

Zuvor musste er seinen selbst produzierten Sonnenstrom tagsüber ins Netz einspeisen, in der Früh Strom zukaufen. Finanziell war das nicht weiter schlimm. „Aber mir geht es ums Prinzip, um die Unabhängigkeit“, erklärt Vorderegger. Für den Inhaber des Haustechnikunternehmens „Alfred Vorderegger GmbH & CoKG“ ist sein neues Zuhause auch ein Labor: Er will herausfinden, wie man mit moderner Haustechnik möglichst komfortabel, umweltbewusst, wirtschaftlich und eben auch unabhängig wohnen kann.

Best of Haustechnik
Im Sommer 2017 zogen Anna und Alfred Vorderegger in ihr komfortables, repräsentatives 185 m²-Haus in Flachau in Salzburg. Geplant hat es das Salzburger Architekturbüro Eisl. Der Hausherr beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit Haustechnik, die Summe seiner Erfahrungen steckt im Energie-Konzept seines Hauses.

Drei Jahre lang hat er daran getüftelt, manchmal wurde er gefragt, ob er „ein bisschen irre“ sei. Auf dem Flachdach des modern designten Hauses: 30 m² thermische Solar- sowie 22 m² Photovoltaik-Kollektoren. Die Gebäudekühlung arbeitet ebenfalls mit Strom aus dem „eigenen Kraftwerk“. In den Zimmerdecken sind Rohre verlegt, durch die Wasser zirkuliert, im Sommer wird es mittels Erdwärme gekühlt, selbst produzierter Sonnenstrom treibt die Pumpen an.

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Anna und Alfred Vorderegger in ihrem Passivhaus. Foto: Fernanda Nigro

Sonnenenergie fließt auch in einen 3.000-Liter-Tank für die Warmwasserbereitung sowie die Fußbodenheizung. „Obwohl wir einen relativ sonnenarmen September und einen schneereichen Winter hatten, lag unser solarthermischer Deckungsgrad im ersten Jahr bei 65 %“, sagt der Haustechnikexperte.

Alle Daten, die das zentrale Steuerungssystem (BUS) über die Energiekreisläufe des Hauses liefert, dokumentiert und analysiert er. BewohnerInnen und BesucherInnen des Hauses sind vor allem von einer Zahl begeistert: 23.

Immer die Lieblingstemperatur
Egal, ob es draußen über 30 Grad drückende Sommer-Hitze oder eisige Minusgrade hat: Im Haus der Vordereggers hat es immer 23 Grad. „Weil wir uns bei 23 Grad am wohlsten fühlen“, erklärt Anna Vorderegger. Lehmputz und eine kontrollierte Wohnraumlüftung bringen konstant die Lieblingstemperatur sowie eine ideale Luftfeuchtigkeit.

„Die Wohnraumlüftung braucht nur 250 KWh Strom pro Jahr, das sind etwa 45 €“, rechnet Alfred Vorderegger vor. Die Energiekosten für die komfortable Immobilie: 650 bis 700 € im ersten Jahr. Entscheidende Faktoren, um das zu erreichen, sind neben der smarten Haustechnik: Form und Ausrichtung des Hauses, sowie das Material-Konzept.

Wohnkomfort und Energieeffizienz vereint
„Die Positionierung des Baukörpers war bei diesem Projekt nicht nur für die Sonnenenergie-Nutzung, sondern auch für den Ausblick wichtig“, sagt Cynthia Geletiuk vom Architekturbüro Eisl. Das Gebäude kragt im Obergeschoss nach Südwesten aus und hat somit einen konstruktiven Sonnenschutz.

„Ansonsten gibt es keine Auskragungen, weil sich ein beinahe energieautarkes Gebäude am einfachsten mit einem kompakten Baukörper verwirklichen lässt“, erklärt Architekt Michael Eisl. „Haus Vorderegger hat die Form eines gedrungenen Rechtecks, das ist nach der Kugel die Form mit der geringsten Oberfläche zum größten Volumen.“

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Große Fensterflächen für die Wohnlichkeit. Foto: Fernanda Nigro

Die großen Glasflächen nach Südost und Südwest seien für die Wärmespeicherung zwar nicht optimal. „Es ist eine Gratwanderung zwischen Energie-Effizienz-Maximierung und Wohnkomfort. Hier wurde der schöne Ausblick bewahrt“, sagt Cynthia Geletiuk. Wer im sechs Meter hohen, luftigen Wohnzimmer sitzt oder auf der Galerie im Obergeschoss den Weitblick auf Berge wie den über 2.000 Meter hohen Lackenkogel genießt, versteht, warum.

Atmungsaktive Dämm-Ziegel
Errichtet wurde das Haus mit atmungsaktiven Wienerberger-Ziegeln, die zudem mit einem U-Wert von 0,13 über starke Dämmleistung verfügen. „Wir haben kein zusätzliches Dämmmaterial verwendet, die Ziegel nur verputzt“, so Alfred Vorderegger. „Es war uns wichtig, dass wir im ganzen Haus keine Ölprodukte wie Styropor-Dämmplatten haben.“ Bei Säulen und Überzügen wurde aus statischen Gründen Stahlbeton verwendet, gedämmt mit Steinwolle.

Smarte Steuerung
Im Oberschoss und am Wohnzimmer-Kamin hängt jeweils ein weißes iPad, das BUS-System. Hier läuft die Steuerung des ganzen Hauses zusammen: Raumtemperatur sowie CO2-Gehalt der Raumluft sind per Touchscreen abrufbar bzw. steuerbar, auch Energieproduktion und -verbrauch sowie die Wasserqualität des Pools sind ersichtlich.

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Das technische Gerüst macht den Hausherren sichtlich stolz. Foto: Fernanda Nigro

„Anfangs hatte ich Respekt vor der Steuerung“, erzählt Anna Vorderegger. „Dabei funktioniert sie wesentlich einfacher als das Heizsystem in unserem alten Haus.“ Die an und für sich „gar nicht technikinteressierte“ Hausherrin regelt via BUS-System die Temperatur, schaltet Lichter ein und aus, fährt die Jalousie hinauf, dreht Musik von Abba und Rainhard Fendrich auf. „Ist wirklich ganz einfach und sehr bequem.“

Investition für die Zukunft
Etwa 45.000 € Mehrkosten haben Alfred und Anna Vorderegger in ihr „Kraftwerk“ sowie die smarte Haustechnik investiert und dafür rund 25.000 € Fördergeld erhalten. Wann sich diese Mehrkosten amortisieren? Das sei einerseits von Energiepreisen abhängig und daher nicht wirklich prognostizierbar, andererseits ohnehin die falsche Frage, meinen die Vordereggers.

Sie haben investiert, um jetzt und später möglichst geringe Betriebskosten zu haben. „Das Haus ist ein Beitrag, ressourcenschonend zu leben. Und unsere Altersvorsorge. Damit wir in unserer Pension wenig fürs Heizen, mehr fürs Reisen ausgeben können.“ Aus Gründen der Barrierefreiheit wurde auf einen „außerdem auch schwer zu dämmenden Keller“ verzichtet. Als Stauraum wird ein Außenraum genutzt, der wie das Haupthaus vom Architekturbüro Eisl gestaltet wurde – wichtig, für das optisch homogene Erscheinungsbild.

Ausgezeichnet
Im Februar 2018 schaffte es die „Casa del Vorderegger“ auf die Shortlist des Energy Globe Awards. „Es gibt viele neue Möglichkeiten im Haustechnikbereich“, weiß Alfred Vorderegger. „Wir haben einige davon, die mich besonders faszinieren, verwirklicht. So können wir im eigenen Haus sehen und erleben, wie wohnen in der Zukunft funktionieren kann.“ (wok)

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