Vom ehemaligen Flakbunker zum regenerativen Kraftwerk: Im Rahmen der internationalen Bauausstellung IBA Hamburg wurde das einstige Kriegsbauwerk in eine Energiezentrale transformiert und versorgt heute die Nachbarschaft mit Wärme und Strom aus erneuerbaren Energien. Von Laura Hannappel
300 t Stahl tragen die Solarthermie- und PV-Hülle. Um die Kontur des Bunkers zu erhalten, ist die Solarkons­truktion mit Abstand zur Außenmauer angebracht. Bild: HHS Architekten, Hamburg Energie
In Berlin wurden damals die ersten gebaut – so genannte Flakbunker, die die Nazis Anfang der 40er-Jahre in den Großstädten errichten ließen, um die Flieger der Alliierten abzuschießen und der zivilen Bevölkerung Schutz zu bieten. Hamburg und Wien zogen rasch nach mit der Errichtung der monumentalen Stahlbeton-Riesen, die immer im Doppel geplant wurden: Ein Gefechtsturm für die Flak, die Flug-Abwehr- Kanonen, und ein Leitturm für die sensiblen Ortungsgeräte. Während die Berliner Flaktürme nach Kriegsende gesprengt wurden, überdauern seitdem in Hamburg noch zwei Gefechtstürme und in Wien sind sogar noch alle sechs erhalten.

2007 schrieb sich die IBA Hamburg – neben etwa 60 weiteren innovativen Projekten – die Transformation des Flakturms im südlich der Elbe gelegenen Stadtteil Wilhelmsburg auf die Fahnen. Im Rahmen des Klimaschutzkonzeptes „Erneuerbares Wilhelmsburg“ sollte aus der ungenutzten Kriegsruine ein regeneratives Kraftwerk werden, das das benachbarte Reihersteigviertel mit klimafreundlicher Wärme versorgt und erneuerbaren Strom ins Netz einspeist – ein bisher weltweit einmaliges Konzept. Als Bauherr war die IBA von 2007 bis 2013 für die statische Instandsetzung, die Architektur und das Gebäude verantwortlich und beauftragte das Kasseler Büro HHS Planer + ­Architekten mit der anspruchsvollen Planung. Hamburg Energie war und ist Bauherr für die Energiezentrale, die Energieversorgung und alle erneuerbaren Erzeugungsanlagen. Das denkmalgeschützte Mahnmal hat einen hohen Identifikationswert für die Bewohner des Quartiers. „Daraus entwickelte sich der grundlegende Ansatz für die Sanierung, dass die Kontur des Bunkers bei all der notwendigen installierten Technik klar ablesbar bleiben soll. So ist die solare Hülle in respektvollem Abstand zur Gebäudekontur – in leichter, filigraner Konstruktion – realisiert, Leitungen sind weitestgehend im Gebäude geführt“, erklärt Architekt Guido Höfert die architektonische Grundidee. Bevor der Umbau jedoch beginnen konnte, musste zunächst die Statik gesichert werden. Nach Kriegsende hatten britische Alliierte den Bunker von innen gesprengt, wobei sechs der acht Etagen einstürzten. Die äußere Hülle mit ihren bis zu 3 m dicken Wänden und der bis zu 4 m dicken Schilddecke blieb jedoch nahezu unbeschadet stehen. Aufgrund der drohenden Einsturzgefahr sollte der Bunker in den darauffolgenden 60 Jahren nicht mehr betreten werden.

Energiemix
Das Energiekonzept besteht aus einer „intelligenten Verknüpfung der Energieerzeugung aus Solarenergie, einem mit Biomethan befeuerten Blockheizkraftwerk, Holzhackschnitzeln und der Abwärme aus einem benachbarten Industriebetrieb“, heißt es vonseiten der IBA. Kern des Konzeptes ist ein riesiger Wärmepufferspeicher, der mit seinem Fassungsvermögen von 2.000.000 l die eigentliche Innovation des Projektes ist. Aufgrund der Pufferwirkung des Speichers wird laut IBA „eine starke Reduktion der zu installierenden thermischen Erzeugerleistung von 11 auf 6,5 MW erzielt und der wirtschaftliche Einsatz erneuerbarer Energien innerhalb des Wärmeversorgungskonzeptes ermöglicht.“ Aktuell versorgt der Energiebunker rund 1.600 Wohneinheiten mit Wärme, im Endausbau des Netzes werden es 3.000 Haushalte sein sowie die Versorgung von 1.000 Haushalten mit Strom. Dies entspricht ca. 2.500 MWh Wärme und fast 3.000 MWh Strom, was einer CO2-Einsparung von etwa 6.600 t im Jahr entspricht. Joel Schrage von Hamburg Energie hält vor allem das übergeordnete Konzept eines lokalen Kraftwerks für einen wichtigen Faktor: „Ein wesentlicher Vorteil von dezentralen Energieversorgungskonzepten liegt in der hohen Ressourceneffizienz begründet, wodurch der Primärenergieeinsatz sowie der CO2-Ausstoß nachhaltig verringert werden können. Des Weiteren kann mit dezentralen Versorgungslosungen den Herausforderungen der Energiewende optimal begegnet werden: Viele dezentrale, flexible Erzeuger, die sowohl Wärme wie auch Strom produzieren, können im Zusammenspiel mit witterungsabhängigen erneuerbaren Energien, wie Winde oder Photovoltaik, intelligent gesteuert werden, um Lastschwankungen auszugleichen.“


Der Wärmepufferspeicher mit seinen 2.000.000 l Fassungs­vermögen steht im Zentrum des Konzepts.

Pilotprojekt
Die Architekten achteten auf einen behutsamen Umgang mit der Substanz, notwendige Eingriffe wie Absturzsicherungen wurden optisch durchlässig gehalten. Die Abbruchöffnung in der Westfassade wurde verglast und macht nun auch für Vorbeigehende den Blick auf die „Technikkathedrale“ frei. „Die markanteste Veränderung erfährt der ehemalige Flakbunker durch die solare Hülle. Diese aus ca. 300 t Stahl errichtete Konstruktion ist an Dach und Südfassade als Stahlbau ausgebildet und trägt eine Solarthermie- und eine Photovoltaikanlage. Die prägnante Kontur des Gebäudes bleibt deutlich erkennbar“, so der Architekt. Auf der obersten Ebene wurde ein öffentliches Café eingerichtet, von dem aus die Besucher einen herrlichen Ausblick haben und in einer kleinen Ausstellung über die Geschichte des Flakturms informiert werden. Nicht zuletzt zeigt dieses Pilotprojekt der Bevölkerung und Politik neue Wege für eine erfolgreiche Umsetzung der Energiewende. „Die Umwandlung des Bunkers in ein regeneratives Multifunktionskraftwerk hat das Thema Energie auf die Tagesordnung gehoben, welches nun bei den Anwohnern einen ganz neuen Stellenwert erhalten hat“, betont Joel Schrage.

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