Neuausrichtung - 11.12.2017
Mit der Übernahme des europäischen Marktführers für Ladestationen und der Beteiligung am wichtigsten Schnellade-Joint-Venture wird der Mineralöl-Riese Shell jetzt auch zum großen Player in der Elektromobilität. Dahinter steckt eine Strategie – und viel Druck aus China.

Shell wird zum "Global Player" bei Ladestationen. Foto: Shell International Ltd.

Als British Petrol vor 15 Jahren ein an eine Sonnenblume erinnerndes neues Logo vorstellte und sich selbst eine neue Ausrichtung gab, war die Energiebranche in Aufruhr: BP sollte für schöne Dinge wie „Beyond Petroleum“ und „Better People“ stehen. Von der groß angekündigten Kurskorrektur des Ölgiganten blieb wenige Jahre später kaum etwas über. Die Tochterfirma BP Solar wurde wegen Erfolglosigkeit 2011 geschlossen und die erwünschte Imagekorrektur ging 2010 bei der Ölkatastrophe im Golf von Mexico unter.

Fahrenergie-Vollanbieter
Shell hat aus den Fehlern seines Konkurrenten gelernt. Und ging seinen Weg in Richtung „Fahrenergie-Vollanbieter“ bisher wesentlich stiller und mit weniger vollmundigen Ankündigungen, als es BP getan hat. Der niederländische Konzern – mit 470 Mrd. Dollar Jahresumsatz das laut Forbes-Rangliste viertgrößte Unternehmen der Welt – schafft Fakten. In den letzten Wochen ist Shell ohne großes Aufsehen zum Big Player bei E-Ladestationen geworden.

New Motion übernommen
Im Oktober übernahm Shell das Ladenetz von New Motion, dem Marktführer für E-Ladestationen in Europa. Mit 30.000 Ladestationen für den Heimbetrieb sowie Unternehmen, und mehr als 50.000 öffentlichen Ladesäulen, erreicht der niederländische Anbieter schon bisher 100.000 Kunden in 25 Ländern Europas. In Österreich ist die Verbund-Tochter Smatrics der Kooperationspartner von New Motion – genau jenes Unternehmen, in das sich erst vor wenigen Monaten die OMV mit 40 % eingekauft hat.

Aufbau von Schnelladestationen
Im November unterzeichnete Shell eine Vereinbarung mit IONITY, dem Joint-Venture für Schnellladestationen. IONITY ist eine Zusammenarbeit von BMW, Daimler, Ford und VW mit dem Ziel, ein Netz besonders leistungsstarker 350-kW-Ladestationen entlang der europäischen Hauptverkehrsrouten aufzubauen. Dank der Kooperation mit Shell, die am 27. November unterzeichnet wurde, werden zunächst 80 Shell-Tankstellen in zehn Ländern den Kern des Netzwerks bilden. Hier sollen E-Autokunden ihre Fahrzeuge bis zu dreimal so schnell aufladen können wie bei herkömmlichen Ladestationen.

Mehr saubere Energielösungen
Hinter diesen jüngsten beiden Investitionen steckt die globale Shell-Strategie, „mehr und mehr saubere Energielösungen zu bieten“, erklärte das Unternehmen in einer Aussendung. Shell-CEO Ben van Beurden hat sich in letzter Zeit immer wieder positiv über Elektromobilität geäußert und überraschende persönliche Präferenzen erkennen lassen. So begrüßte er das von mehreren europäischen Ländern angekündigte Verbot von Verbrennungsmotoren als richtigen Schritt im Sinne des Klimaschutzes – und kündigte an, sich selbst ein Elektroauto kaufen zu wollen.

Druck aus China
Möglicherweise steckt hinter der neuen strategischen Ausrichtung von Shell aber nicht nur der hehre Wunsch, eine bessere Welt zu schaffen. Denn der Wettbewerbsdruck aus China nimmt derzeit sprunghaft zu. Das chinesische Staatskabinett hat laut einem Bericht der Financial Times erst vor wenigen Tagen angekündigt, in den kommenden drei Jahren 4,8 Mio. neue Ladepunkte in China errichten zu wollen. Derzeit ist das chinesische Netz mit 190.000 Ladepunkten bereits dichter als in Europa oder in den USA. Mit diesem radikalen Ausbau, den sich der chinesische Staat 16 Mrd. Euro kosten lassen will, entstehen völlig neue Realitäten am Markt für E-Mobilität. Zum Vergleich: Die EU hat 800 Mio. Euro für den Ausbau des Ladenetztes budgetiert – allerdings bis 2030.

Disruptive Veränderung
Auf diese angekündigte disruptive Veränderung aus dem Reich der Mitte müssen auch die westlichen Player reagieren, wollen sie nicht restlos ins Hintertreffen geraten. Shell ist hier der Vorreiter. Zuletzt trugen 257 österreichische Tankstellen das bekannte Muschel-Logo. Mittelfristig wird es nicht um die Frage gehen, ob den Kunden an allen Tankstellen eine entsprechende Ladeinfrastruktur geboten werden wird. Sondern ob diese vom Betreiber selbst angeboten werden kann – oder ob er sie von chinesischen Anbietern zukaufen muss.

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